Wer am Mittwoch beobachten konnte, wie Jean-Claude Juncker die erste Budgetrede des neuen Finanzministers mit grimmiger Miene von der Abgeordnetenbank aus verfolgt hat, der kann sich vorstellen, wie schwer sich der ewige Premier nach 30jähriger ununterbrochener Regierungszugehörigkeit immer noch tut, seiner Macht verlustig gegangen zu sein.

Als wäre er ein Kind, dem man seinen Lutscher weggenommen hat, konnte sich der CSV-Fraktionschef wider Willen nicht einmal verkneifen, Pierre Gramegna - und mit ihm die ganze blau-rot-grüne Mannschaft - bloßstellen zu wollen, indem er diesem zum Schluss der Haushaltsvorstellung mit einer bei dieser Gelegenheit völlig unwichtigen, technischen Frage zum im Budgetentwurf benutzten Wechselkurs zwischen US-Dollar und Euro in Verlegenheit zu bringen versuchte. Ganz so, als bestehe das Bettel/Schneider-Kabinett ausschließlich aus blutigen Anfängern, denen man nicht einmal eine - in seinen Augen - solch elementare Frage wie eine zum Wechselkurs stellen könne.

Gestern konnte sich der langjährige Eurogruppenchef dann nicht nur endlich mal wieder mit seinesgleichen unterhalten, sondern stand sogar im Mittelpunkt, ist die Europäische Volkspartei (EVP), deren Delegierte für zwei Tage in Dublin zusammenkommen, doch auf der Suche nach einem Spitzenkandidaten für die Europawahl. Die Nominierung des Spitzenkandidaten ist zwar erst für den heutigen Freitag angesetzt, doch dürften Merkel & Co., die zuvor in Brüssel auf einem Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs über Strafmaßnahmen gegen Russland berieten, die Sache bereits beim gestrigen Abendessen geregelt haben, so dass die rund 800 EVP-Delegierten auch genau wissen, wen sie heute wählen sollen.

Als Favorit in Dublin gilt immer noch Juncker (der vor langer Zeit ja wegen seiner gleichzeitigen Deutsch- und Französischkenntnisse gar zum Held von Dublin ernannt wurde - beim Verhandlungsmarathon über den Stabilitätspakt vermittelte er zwischen Kohl und Chirac), der sich jetzt nur noch gegen den französischen Wettbewerbskommissar Michel Barnier durchsetzen muss, nachdem der Lette Valdis Dombrovskis seine Kandidatur am Mittwochabend zurückgezogen hat. Viel Chancen werden Barnier aber nicht nachgesagt, da die französischen Sozialisten den SPD-Mann Martin Schulz unterstützen.

Damit dürfte dem CSV-Politiker am heutigen Freitag endlich wieder ein Erfolgserlebnis vergönnt sein, kann Juncker sich nach diesem Votum doch spätestens nach den Europawahlen vom 25. Mai endgültig aus dem ungeliebten Luxemburger Parlament zurückziehen und seinem neuen Dauphin Claude Wiseler (der indes sowieso schon die ganze Arbeit macht) den Fraktionsvorsitz sowie die Spitzenkandidatur für die Legislativwahlen von 2018 überlassen. Ob Juncker dann tatsächlich die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Barroso übernimmt oder aber (wie von ihm favorisiert) Nachfolger von EU-Ratspräsident Van Rompuy wird, steht derweil in den Sternen. Irgendein Spitzenjob wird sich schon finden lassen...