LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Erster nationaler Bildungsbericht analysiert das luxemburgische Bildungssystem

Von der frühkindlichen Bildung über die Mehrsprachigkeit bis zur Berufs- und Hochschulausbildung: Der gestern vorgestellte erste nationale Bildungsbericht spannt einen weiten Bogen über das luxemburgische Schulwesen. Er soll sich als regelmäßige Bestandsaufnahme etablieren und außerdem die Grundlage für öffentliche Diskussionen und politische Entscheidungen bilden.

Zum Beispiel beschäftigt sich der Bericht in einem Kapitel mit der Klassenwiederholung. Hier zeigt sich, dass im auch als „Classique“ bekannten „Enseignement secondaire“ rund 18 Prozent der Schüler älter sind, als sie es theoretisch sein dürften, wofür meistens eine Klassenwiederholung verantwortlich ist. Im „Technique“ sind es hingegen knapp 62 Prozent. Darüber hinaus geht aus der Studie hervor, dass die Faktoren Nationalität und sozioökonomischer Hintergrund die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine Klasse wiederholen zu müssen, auch wenn Schüler sich in ihren durchschnittlichen Leistungen (moyenne générale) nicht voneinander unterscheiden. Die Autoren des Berichts zweifeln den Nutzen einer Klassenwiederholung allerdings generell an: Zwar profitierten die Schüler kurzfristig von der Wiederholung. Der positive Effekt einer Klassenwiederholung verschwinde allerdings nach etwa zwei Jahren, sodass Klassenwiederholungen „kein effektives Mittel“ für einen nachhaltigen Schulerfolg seien, wie Dr. Thomas Lenz, zusammen mit Jos Bertemes vom Ministerium für die Koordination, Konzeption und Redaktion des Berichts zuständig, ausführte.

Ansätze für mehr Chancengerechtigkeit

Bildungsminister Claude Meisch (DP) zeigte sich darüber erstaunt, dass Schüler bei gleicher Leistung unterschiedliche Chancen haben, weiterzukommen. Ein gerechtes System müsse gleiche Leistung wertschätzen. Außerdem zeige die Studie, dass neben den Sprachen auch der sozioökonomische Hintergrund eine Ursache für Ungleichheiten darstelle. Alleine über den Sprachenunterricht zu diskutieren reiche nicht aus. Um die Chancengerechtigkeit im Luxemburger Schulsystem zu erhöhen, gibt es mehrere Pisten. Zum einen soll wie bereits bekannt eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung auf- und ausgebaut sowie eine mehrsprachige Frühförderung angeboten werden, die möglichst früh an die Mehrsprachigkeit heranführen soll. Darüber hinaus soll allerdings auch der Sprachenunterricht vor allem in den ersten Jahren der Grundschule stärker kommunikativ ausgerichtet werden, der Sprachenunterricht in der Grundschule und im unteren Zyklus der Sekundarschule außerdem besser aufeinander abgestimmt werden. Bis zum Ende des Jahres will das Ministerium auch eine Reform der aktuellen Orientierungsprozeduren vorlegen. Andere Vorschläge betreffen die Struktur des aktuellen Systems. Statt einer Klassenwiederholung soll etwa eher eine Art Förderunterricht angeboten werden.

Nächster Bericht möglicherweisein drei Jahren

Entstanden ist der Bildungsbericht durch eine Zusammenarbeit des Bildungsministeriums mit der Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften (FLSHASE), wie Rainer Klump, Rektor der Universität Luxemburg erklärte. Seit 2006 stelle die Bildung eine Forschungspriorität an der Universität Luxemburg dar. „Diese Expertise konnte für diesen Bericht fruchtbar gemacht werden“, sagte Klump. Das Script-Gesetz vom 6. Februar 2009 sieht vor, dass alle fünf Jahre ein solcher Bericht durch eine externe Institution angefertigt wird. Die erste Ausgabe besteht aus zwei Bänden: Die Sonderausgabe der Kennzahlen des Bildungswesens 2013/2014 stellt die kleinere Publikation dar und bündelt vor allem statistisches Material. Der zweite Bericht liefert wissenschaftliche Analysen aus pädagogischer, soziologischer, linguistischer oder kognitionspsychologischer Sicht. 35 Autorinnen und Autoren haben daran gearbeitet. Nach der Vorstellung des Bildungsberichts gestern im Parlament sind öffentliche Veranstaltungen, „Road Shows“ zu einzelnen Schulen oder Gemeinden, Workshops an der Universität und eine Evaluation mit Abgeordneten, Lehrern, Eltern oder auch Inspektoren geplant.

Der nächste Bericht soll in fünf Jahren erscheinen. Meisch meinte jedoch, dass ein Abstand von drei Jahren besser wäre. Das mache allerdings nur dann Sinn, wenn sich alle Akteure von der Politik über die Öffentlichkeit bis zu Eltern und Lehrern „ganz intensiv mit dem Bericht auseinandersetzen“.


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