LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Als Trabis vor den Toren Luxemburgs standen - Ex-Premierminister Jacques Santer erinnert sich

Wir hätten nie gedacht, dass die Mauer so schnell fallen würde. Und ich glaube, das haben die Deutschen auch nicht getan“, sagt Jacques Santer im Interview zu seinen Erinnerungen an die Ereignisse vor 30 Jahren. Der damalige CSV-Premierminister verfolgte die Entwicklungen in Berlin im Radio und im Fernsehen, zwischen reichlich Terminen.

„1989 war ein ereignisreiches Jahr in Luxemburg“, erinnert sich Santer: Das Großherzogtum feierte 150 Jahre Unabhängigkeit und das 25. Jubiläum der Thronbesteigung von Großherzog Jean. Im Juni hatte es Parlaments- und Europawahlen gegeben. „Aber natürlich verfolgten wir die großen Demonstrationen in der DDR mit“, sagt Santer, der sich erinnert, als junger Student 1961 kurz nach dem Beginn des Mauerbaus in Berlin gewesen zu sein. „Das war eine besondere Atmosphäre“, sagt der CSV-Politiker, der später dann und wann mit dem Diplomatenpass in der DDR unterwegs war.

Natürlich hatte der Regierungschef damals Dauerkontakt zu den bundesdeutschen Nachbarn. Und besonders auch zu Kanzler Helmut Kohl, ein starker Motor für die Einigung. Santer fällt eine Anekdote ein: „Wir hatten ja 1984/1985 das Problem mit der ‚Société Européenne des Satellites‘, die den Franzosen nicht so schmeckte. Ich bin zu Kohl gefahren und habe ihm erklärt, worum es ging. Bei dem Gespräch hat er mich auch gefragt, ob die Satellitenprogramme denn auch im Osten zu empfangen wären. Ja, sagte ich, so eine Satellitenschüssel ist recht einfach zu installieren. Dann leg los, sagte er“.

Am Abend des 9. November 1989 verfolgte der ehemalige Premier die Nachrichten aus Berlin zunächst im Radio auf der Heimfahrt von einer Versammlung. Dann zuhause im Fernsehen. „Das waren bewegende Bilder von den Menschenmassen, die durch die Zollkontrollen strömten“, erinnert sich Santer. Wie wenig die Deutschen auf dieses Ereignis vorbereitet waren, davon zeuge nicht zuletzt, dass weder Bundeskanzler noch Bundespräsident an dem Tag in Deutschland waren und erst am folgenden Tag Stellung bezogen.

Kampf für die Wiedervereinigung

Da spürte auch Luxemburg zum ersten Mal die Auswirkungen des Mauerfalls. „Ich weiß noch, dass ich angerufen wurde vom Außenministerium und vom Zoll, dass da in ein paar Trabis angereiste DDR-Bürger an der Grenze begehrten, RTL zu besuchen. Der wurde ja in der DDR als ‚Feindsender‘ betrachtet. Ich habe dann den RTL-Generaldirektor angerufen und ihn gebeten, die Leute zu empfangen, was dann auch geschah. Nach dem Besuch machten sie sich wieder auf den Heimweg“, erzählt Santer. Mit einem massiven Andrang von DDR-Bürgern habe man damals nicht gerechnet, die Leute hatten ja ihr Leben im Osten und die meisten wollten dort bleiben. Eine der kapitalen Fragen sei gewesen, wie der Übergang von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft zu bewältigen sei und zu welchen Bedingungen der Umtausch von Ost- in Westmark über die Bühne gehen sollte. Die Bundesregierung habe damals natürlich eine wesentliche Rolle in all diesen Vorgängen auf dem Weg zur Einheit gespielt. Allerdings seien längst nicht alle auf Kohls Seite gewesen, auch nicht in der „Europäischen Volkspartei“, deren Vorsitz Jacques Santer damals innehatte. So habe sich der italienische Premier Giulio Andreotti gegen eine Wiedervereinigung ausgesprochen. Am Rande eines EVP-Jugendkongresses in Pisa haben sich die Spitzen der christdemokratischen Parteien dann ausgesprochen und die vier Zweifler haben eingelenkt. Santer erinnert sich noch an eine Abschlusskonferenz mit Andreotti: „Die italienische Presse hat sich schon sehr über seine Kehrtwende gewundert“.

Er selbst und die luxemburgische Regierung hätten immer eine offene Einstellung zur Wiedervereinigung gehabt, auch wenn es innerhalb der Parteien natürlich Diskussionen darüber gab. „Ich habe immer für ein vereintes Europa gestritten“, sagt Santer, der in seinen verschiedenen Funktionen, auch als EU-Kommissionschef viel in Ostdeutschland und den ehemaligen Sowjetrepubliken herum gekommen ist. „Man kann die Veränderung sehen“, sagt der 82-Jährige, der demnächst wieder eine Reise in den Osten Deutschlands unternehmen will, „nachträglich würde ich sagen, dass die Wiedervereinigung ein Erfolg war“. Der Prozess sei allerdings noch nicht ganz abgeschlossen, sagt der Politiker, den der Aufstieg der Populisten im Nachbarland mit Sorge erfüllt.

Friedenssymbole in aller Welt

Mauerstücke gibt es vielerorts als Mahnmale

Ein Stück steht im Skulpturengarten am UN-Hauptsitz in New York. Eines hat seinen Platz mitten in einem costa-ricanischen Beet gefunden. Und in Las Vegas, auf den Toiletten des Main Street Station Casinos, sind Urinale an einen Rest der Berliner Mauer montiert. Die Überreste des 160 Kilometer langen monströsen DDR-Betonwalls sind längst in alle Welt verstreut. Manche sind bloße Accessoires, viele dienen als Mahnmale und Symbole des Friedens.

• Berlin
Das längste noch erhaltene Teilstück der Mauer steht an der Spree. Die über einen Kilometer lange East-Side-Gallery bemalten 1990 Künstler aus aller Welt mit riesigen Wandbildern. Heute ist der Ort ein Touristenmagnet mit Millionen Besuchern im Jahr. Auch an anderen Orten in Berlin wird an die Teilung erinnert. Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße mit einer 220 Meter langen Betonreihe gilt als wichtiges Symbol. Sie ist auch ein Mahnmal für die 140 Menschen, die an der Mauer durch das DDR-Grenzregime ums Leben kamen.

• Rom
Etwas versteckt steht hier ein Mauerteil in den vatikanischen Gärten. Ein italienischer Geschäftsmann ersteigerte es im Jahr nach dem Mauerfall und schenkte es dem Vatikan. Erst vier Jahre später gab der damalige Papst, Johannes Paul II., grünes Licht dafür, das fast vier Meter hohe Mauersegment aufzustellen. Darauf prangt ein Bild der Berliner Kirche St. Michael sowie Streetart: einer blauer Smiley.

• Seoul
Auf einem kleinen Platz im Zentrum von Seoul stehen drei große Segmente der Berliner Mauer. Auf den glatten Flächen sind noch undeutliche Graffiti zu erkennen. Davor steht ein blau bemalter Berliner Bär. Die Mauerstücke sind ein Geschenk des Berliner Senats aus dem Jahr 2005. Sie stehen dort als Mahnmal, sollen aber im geteilten Korea auch ein Zeichen der Hoffnung auf Wiedervereinigung sein.

• Brüssel
Neben zwei Teilen vor dem Europäischen Parlament steht ein Segment der Mauer vor dem Hauptgebäude der Europäischen Kommission hinter Glas, täglich ziehen Journalisten, Politiker und Touristen vorbei. Darauf ist ein Porträt des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy zu sehen, eingebettet in die amerikanische Flagge. Vor etwa 10 Jahren kaufte die EU das Stück - es steht symbolisch für das wiedervereinigte Europa. In einer Lagerhalle der belgischen Hauptstadt lagern übrigens derzeit fünf Teile der Mauer, die bei einer Auktion vom 26. Januar bis zum 2. Februar 2020 versteigert werden sollen.

• Moskau
Hier ist ein Mauerstück auf dem Gelände der deutschen Schule ausgestellt und Bestandteil des Unterrichts. Vor etwa fünf Jahren kam es vom Potsdamer Platz aus Berlin mit dem Lkw nach in die russische Hauptstadt. Ein weiteres Teilstück steht nahe des Sacharow-Zentrums, das Ausstellungen zu Themen wie Menschenrechte zeigt. Weitere Mauer-Standorte in Russland sind Experten nicht bekannt.

• Sydney
In Sydney ist ein 2,4 Tonnen schweres Originalteil der Berliner Mauer wiedergefunden worden: Das annähernd vier Meter hohe und gut erhaltene Stück befand sich seit mehr als einem Jahrzehnt in einem Lagerhaus der australischen Millionenmetropole, wo sich aber niemand weiter darum kümmerte. Darauf ist ein Graffiti mit dem Schriftzug „Jeder hat Kraft“ zu lesen, wie das örtliche Goethe-Institut sagt. Künftig will die Stadt es in einem Park der Öffentlichkeit zeigen, dazu gibt es am 23. November eine Feierstunde.

• Schengen
Vor dem Europäischen Informationszentrum in Schengen stehen zwei angemalte Betonsegmente der Berliner Mauer. Das erste Segment mit einem aufgemalten Frauenkopf steht dort seit 2010 und ist eine Schenkung. Das in Schengen ansässige Unternehmen PM International hat der Kommune 2015 ein weiteres Mauerstück geschenkt. Darauf das Portrait und die Signatur des ehemaligen Sowjetischen Machthaber Michail Gorbatschow. Auch in der Großregion stehen Mauerstücke - etwa in Saarbrücken, Mainz, Wittlich, Koblenz, Mons und Verdun. LJ