LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Gespräch mit dem neuen Luxair Group-Chef Gilles Feith

Morgens um 8.30 sind im dritten Stock des Luxair Group-Gebäudes in Munsbach alle an Bord. Das ist leicht zu sehen, denn die Wände zu den Büros links und rechts des Flurs sind aus Glas. Am Ende des Ganges liegt das etwas größere Büro des neuen Chefs.
Gilles Feith, Jahrgang 1976, ist schon da. Jeans, kragenloses weißes Hemd, schwarze Lederjacke. Er dirigiert den Besuch mit dem Zeigefinger an den Besprechungstisch. Eine halbe Stunde hat sich der neue Luxair Group-Chef genommen. Er hat wenig Zeit in dieser großen Krise der Luftfahrt. Vor allem aber muss er sich einarbeiten.
Feith war bislang Staatsbeamter. Nach einem Wirtschaftsstudium und einem Job als einer der letzten bei der Unternehmensberatung Arthur Andersen machte er Karriere beim Staat, leitete das Zentrum für Technologie und Information und zuletzt den Logistikkrisenstab in der Coronakrise. Von Luftfahrt hatte er bislang keine Ahnung. Seit dem 1. Juni aber leitet er die Luxair Group, zu der LuxairTours, Luxair, Luxair Services und Luxair Cargo mitsamt den 3.000 Mitarbeitern gehören.
Geflogen ist er auch schon: Nach Hamburg mit den Kindern. Warum Hamburg? „Hagenbeck ist einer der schönsten Zoos“, versichert er. Und betont: „Den Flug habe ich selbst bezahlt.“ Das ehrt ihn. Und zeigt doch gleichzeitig, dass er eine andere Auffassung hat als sein Verwaltungsrat.

Freiflüge für den Verwaltungsrat

Dieser hat sich erst im vergangenen Jahr eine besondere Belohnung gegönnt: Freiflüge für alle Verwaltungsratsmitglieder mit der Luxair. Gewissensbisse hatten die Aufseher wohl nicht. Eher das Gefühl, etwas in eine rechtliche Form zu gießen, das schon lange Usus war. Corporate Governance? Überlegungen, dass eine solch gut dotierte Aufgabe diese Sonderrechte suspekt erscheinen lässt? Nichts da.
Als tonangebend im Verwaltungsrat gilt Tom Weisgerber. Die graue Eminenz aus dem Transportministerium wird als Mentor von Feith gehandelt. Weisgerber soll ihn für den Posten gewollt haben. Weisgerber ist auch Präsident des Verwaltungsrats von luxairport, dem Flughafen. Die Vizepräsidentin des dortigen Verwaltungrats heißt Félicie Weycker. Sie ist die Lebenspartnerin von Gilles Feith. Furcht vor einer Fehlentscheidung brauchen weder Weycker noch Weisgerber zu haben. Sie sind durch einen Paragraphen abgesichert, der Staatsbeamte in Verwaltungsräten vor zivil- oder strafrechtlichen Folgen ihrer Entscheidungen schützt. Die Juristin könnte theoretisch über Interna plaudern.
Ihr Mann konzentriert sich aufs Geschäft. Gefragt nach den Angeboten von Luxair und Luxairtours sagt er: „Wir sehen eine Zunahme, aber auch ein anderes Buchungsverhalten. Jetzt treffen die Leute kurzfristige Entscheidungen, viel läuft übers Internet. Wir wären froh, wenn mehr über die Reiseagenturen liefe.“
Dann zeigt er, nicht ohne Stolz, das neueste Promo-Video der Luxair auf seinem Handy: flotte Musik, geschickte Schnitte, schöne Bilder. „Wir wollen Lust auf Reisen machen, zeigen: Time for holidays!“, versichert Feith. Und betont, dass Luxair alles für die Sicherheit tut: Masken, Desinfektionstücher und –gel, Filter und sogar FFP2-Masken für ganz Verunsicherte. „Vor Ort ist ebenfalls für Sicherheit gesorgt. Die Luxair fliegt keine Ziele an, wo die Sicherheit der Gäste nicht garantiert ist“, unterstreicht der neue CEO.
Er ist in einer Krise gekommen. Davon hat er schon einige gemeistert. „Covid und die Logistik, das Militärhospital auf Findel - in meinem ganzen Leben habe ich Krisen gemeistert“, sagt er mit Blick auf seine Karriere. Sein Motto: Sich voll einsetzen. „Für etwas, das bleibt.“ Dafür ist er morgens früh und abends spät da, auch an den Wochenenden. „Das ist jetzt eben so.“ Von den Mitarbeitern erwartet er das gleiche. Besprechungen in den Abendstunden kommen durchaus vor. Zu seinem Tagesablauf will er nicht so viel sagen, außer, dass er noch nicht so ist, wie er ihn gern hätte. Morgens ist er um 7.00 oder 8.00 da, abends um 22.00 oder 23.00 auch noch. „Ich gehe als Letzter raus.“

Maulkorb für den Vorgänger?

Sein Vorgänger Adrien Ney, der das Unternehmen 15 Jahre lang geleitet und durch viele Krisen geführt hat, hat einen Punkt gemeinsam mit Feith: Auch er war branchenfremd. Ney kam von einer Bank und wurde vom damaligen Verwaltungsratspräsident Marc Hoffmann geholt – gegen seinen anfänglichen Widerstand. In den Jahren bei der Luxair traf er zahlreiche Entscheidungen, die der Fluggesellschaft weiterhalfen und führte sie in eine ruhige Zone. Selbst zurückhaltend, höflich  und unprätentiös, gilt Ney als extrem integer. Daher überraschte seine plötzliche Abberufung. Ein unserer Zeitung erst zu- und später abgesagte Interview ist ein Hinweis darauf, dass der Mann heute einer Schweigepflicht unterliegt. Obwohl er der Luxair ein neues Profil gegeben und sie erfolgreich gemacht hat, sollte er offenbar schnell weg. Feith sagt, es habe eine Übergabe mit Ney gegeben. Das Thema ist ihm sichtlich unangenehm. Auch dazu, dass Ney eigentlich noch bis Jahresende hätte bleiben sollen, will er sich nicht äußern. „Wir bereiten jetzt den Relaunch vor“, versichert er, „wir haben Margen gemacht.“
Welche Stärken sieht der neue CEO bei sich? „Ich habe viel Energie und setze mich voll ein. Digitalisierung liegt mir; auch privat“; sagt der Mann, der eine Garmin-Sportuhr am linken und ein Lederarmband am rechten Handgelenk trägt. Auf dem Ärmelbündchen sind in blau die Initialen „G.F.“ in Schreibschrift eingestickt. Seine Schwäche? „Ungeduld!“ Aber zu den Stärken will er noch etwas hinzufügen. „Ich bin auch ein Mensch, der gerne etwas mit Leuten machen will, die etwas ändern wollen. Davon gibt es hier viele“, sagt er. Es sei viel Organisation nötig, viel Koordination, wenn für einen Flug erst kurz vor dem Abheben 200 Seiten Reglement vorlägen.  Das koste Zeit.
Die braucht Feith auch, um sich auf seinen Job vorzubereiten. Dafür hat er Informationen gesammelt und gelesen. „Alles, was ging. Gott sei Dank gibt es viele Informationen zum Luftfahrtsektor. Ich habe mir auch die Bilanzen angesehen. Schließlich komme ich aus dem Finanzbereich. Es war nicht alles perfekt.“ Dazu käme seine persönliche Erfahrung als Vielflieger. „Ich war treuer Luxair-Kunde im vorherigen Leben“, lächelt er.
Luxair fliegt neue Destinationen an: Stockholm, Salzburg, Innsbruck oder Valencia. „Wir wollen dahin fliegen, wo die Nachfrage ist. Und wir erhalten jetzt interessante Slots, die vorher nicht möglich waren“, versichert der CEO. „Die Krise ist schlimm, aber sie bietet auch Möglichkeiten.“ Die will er nutzen. Denn wenn Investitionen keinen Sinn machten, dann könne es auch sein, dass es die Luxair in 30 Jahren nicht mehr gebe. Über eine neue Flotte will Feith noch nicht nachdenken. „Das ist der falsche Zeitpunkt. So etwas kostet über 100 Millionen Euro. Ich habe hier effiziente Flieger.“
Feith zeigt auf eine Tüte mit einem in Camouflagedesign, doch in leuchtenden Farben gemustertes Tuch. „Das ist unser Buff, den erhalten alle Passagiere. Wir hatten rund 20 Designs. Das war nicht mein Favorit, aber jeder im Team hat mitentschieden.“ Selbst trägt der Chef allerdings lieber einen schwarzen „Buff“. „Sonst passt das nicht zur Lederjacke.“

Kindheit in Bissen

Aufgewachsen ist Feith in Bissen. Der Großvater war Landwirt, der Enkel viel draußen. Feith hat eine vier Jahre jüngere Schwester. Der Vater arbeitete erst bei Goodyear, dann für eine Versicherung. Es klingt nach einer behüteten Kindheit. Hat der neue Chef als Kind jemals von einem Beruf geträumt? Vielleicht, Pilot zu werden? Nein, sagt Feith. „Ich wollte zur Armee gehen. Aber ich habe meinen Weg nie bereut.“ Und wo will er beruflich noch hin? „Vielleicht Venture Capital mit jungen Unternehmen.“

Wikingerfeeling

Der neue CEO hat eine sehr athletische Figur. Was treibt er für Sport? „Viking run“, sagt er. Auf den fragenden Blick hin sucht er auf seinem Handy einen Film. Der zeigt junge Männer und Frauen, die durch schlammige Seen sprinten, sich mit dem Bauch zum Himmel an Seilen entlanghangeln oder Betonhindernisse überwinden. Es geht um Extremhindernisläufe, die in Formaten wie „family run“, „mud run“ oder „water run“ stattfinden. Auf der Webseite heißt es: „Tough times don‘t last, tough people do! Strong Viking‘s Mission ist es, dich körperlich und mental stärker zu machen, sodass du über deine Grenze hinauswachsen kannst.“ Der Unternehmer Jan Reijs und ein Team von Unternehmern und ehemaligen Marinesoldaten haben den Veranstalter „strong viking“ gegründet und inspirieren sich an den Wikingern. Bei solchen Extremhindernisläufen muss man schon mal 25 km hinter sich bringen, schwimmen, schießen oder an Felsen entlang klettern.
Hat Feith eigentlich Vorgaben vom grünen Transportminister zum Thema „green flying“ erhalten? „Ich bin der Meinung, dass Fliegen nur zwölf Prozent des CO2 vom Transportsektor verantwortet, aber einen hohen wirtschaftlichen Beitrag leistet. In der Gesamtbilanz von CO2 macht Fliegen nur zwei Prozent aus. Es ist der einzige Sektor, der seit den 80er Jahren immer effektiver wird und sich noch verbessert. Ich versuche, ökologisch zu sein und fahre selbst einen Tesla“, antwortet der Chef. Und verweist noch auf die Turboprop-Flieger, die schon relativ ökologisch seien. „Heute muss mir keiner sagen, dass sich auf die Natur aufpassen muss. Wir haben sogar Details verändert. Die Luxair-Kunden erhalten jetzt keine Kugelschreiber mehr, sondern Bleistifte.“
In Feiths Büro stehen viele Flugzeug-Modelle. Deshalb fällt die rund 40 cm hohe Mops-Statue dazwischen besonders auf. Ist er Hunde-Fan? Feith lacht und holt das Plastik-Tier vom Regal. „Das hat mir Randy Evans geschenkt, weil der Journalist vom Luxemburger Wort gefragt hat, ob ich ein harter Hund bin und ich nicht wusste, was das ist“, erzählt er und zeigt die handgeschriebene Karte des US-Botschafters der Trump-Regierung in Luxemburg. „Der Mann hat so viel für unser Land getan“, kommentiert der CEO und stellt den Mops wieder aufs Regal.

Treppen statt Aufzug

Er spricht über das Verhältnis zu den Mitarbeitern. „Ich will, dass alle mit mir reden. Aber ich habe schon gemerkt, dass die Leute weniger Kaffee trinken kommen. Jetzt nehme ich immer die Treppe, um ihnen zu begegnen.“ Und wenn ihm die gute Fee begegnet, was wünscht er sich dann? „Dass der Kunde die Qualität von Luxair schätzt und in Vertrauen umsetzt, zum Teil auch, um sich seine Freiheit zurück zu holen. Reisen wird ab jetzt anders sein. Aber am Strand ist mehr Platz und die Hotels gegen sich viel Mühe. Ich denke auch an die nordafrikanischen Länder. Wenn dort der Tourismus zusammenbricht, dann geht es den Leuten schlecht. Dann gewinnen Fraktionen an Einfluss, die mehr Macht wollen. Wir sollten den anderen ökonomisch Möglichkeiten geben.“
Es ist Zeit zu gehen. Feith läuft mit langen Schritten vor. Aus den gläsernen Büros folgen ihm sorgenvolle Blicke. Einige der leitenden Manager haben ihren Posten verloren. Feith nimmt die Treppe. Im Foyer fällt sein Blick auf die Kantine. „Kommen Sie mal mit“, fordert er auf und betritt den großen Raum, in dem rund ein Dutzend Mitarbeiter Folien an der Wand ansehen. „Wir arbeiten jetzt auch anders. Hier hält das Marketing-Team gerade ein Treffen ab. Das wollte ich der Journalistin nur mal zeigen“, sagt er laut mit Blick auf das Team und verlässt die Kantine. Einige Gesichtszüge entspannen sich sichtbar. Der neue Chef bekommt das nicht mit. Er steigt in seinen schwarzen Tesla und gleitet davon.