LUXEMBURGSAMUEL HAMEN

Pit Hoerold legt mit „komm mir mit liebe“ seine gesammelten Liebesgedichte vor

Der Satz „Wir müssen reden!“ lässt selten Gutes ahnen: Besorgte Eltern, unglückliche Partner oder unzufriedene Chefs leiten damit ihre unheilvollen Gespräche über den bevorstehenden Tiefschlag ein. Auf solcherart Unterhaltungen folgen meist Befremden, Wut oder Verzweiflung. Pit Hoerolds kürzlich erschienenem Band komm mir mit liebe ist just dieser Satz als kommunikative Folie unterlegt. Viel wird geredet in diesen 103 Gedichten, und zwar ausschließlich und ausufernd über die Liebe. Ist nun ein poetischer Tiefschlag oder Höhepunkt zu erwarten?

Wirklichkeitsnähe als Programm

In den Texten, die in drei Kapitel unterteilt sind, adressiert ein lyrischer Sprecher ein nicht näher bestimmtes Du. Zum Anlass des Dichtens werden ihm alltägliche Beobachtungen, gemeinsame Erfahrungen oder nostalgische Erinnerungen: „auf der seeterrasse / im haar der wind, / in deinen augen die sonne, / blicken wir uns an.“ Den drei Kapiteln sind jeweils drei Gedichte auf Französisch und ein Gedicht auf Luxemburgisch beigegeben. In einer Notiz am Ende benennt Pit Hoerold das Programm des Buches, welches Gedichte der letzten 35 Jahre versammelt: Es ginge darum, „das erlebte, erfahrene, erträumte wirklichkeitsnäher“ darzustellen. An dieser ambitionierten Poetik des Realistischen müssen sich die Gedichte dann auch messen lassen.

Über den heikelsten aller Begriffe schreiben

Um die behauptete Wirklichkeitsnähe einzulösen, wird allenthalben mit der Liebe hantiert: So wird sie mal in Bewegung gebracht (S. 33), mal aus den Augen verloren (S. 68), mal wird ihr ein Scheitel verpasst (S. 67), mal wird sie einem vom Leib gerissen (S. 121). Am Ende wird die Liebe dann sogar selbst geliebt (S. 73). Diese und andere Bilder verdeutlichen, dass es den Gedichten selten gelingt, eine metaphorisch und konzeptuell glaubwürdige Handhabe für den heikelsten aller Begriffe zu erlangen. Um der Liebe beizukommen, wird stattdessen über das gesamte Form-Repertoire von Lyrik verfügt, unter anderem durch den Einsatz von Enjambements, Wortbrechungen, Kursivierungen und Einrückungen. Diese und andere formale Eingriffe wie die Mittelachse oder die Nutzung paralleler Textspalten erschöpfen sich jedoch meist im formalistischen Kniff, ohne dass sie einer authentischen Erfassung dessen, was Liebe denn nun ist, zuspielen. Selten sind jene Verse, die einen ob ihrer Schonungslosigkeit durchfahren wie rhetorische Stiche ins Herz. Anstatt ihrer häufen sich sprachspielerische Verkehrungen („der liebirische Winter“, „mit einem blauen Herz davonkommen“), die selten mehr sind als kurzweilige Kalauer.

Snapshots eines Verliebten

Die Gedichtsammlung bietet sprachliche Snapshots eines hoffnungslos Verliebten, der mit seiner Kamera alles, auch nebensächliches, fotografiert, um sich so seines eigenen Verliebtseins zu vergewissern: Drei hübsch verteilte Sommersprossen, ein kokett unordentliches Bett oder ein angenehm wolkenfreier Himmel. Es sind private Eindrücke, zu Texten geformt. Über den situativen Impuls des Erlebenden hinaus wirken diese Gedichte als artistisch tiefgründige Gebilde kaum - wie die Fotos Fremder, von deren besonderer Strahlkraft nur der Urheber, nicht aber der zufällige Betrachter ergriffen ist.


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