Die Weltpresse drängte sich gestern auf eine Pressekonferenz der bayerischen Zollverwaltung (!) im beschaulichen Augsburg. Was sich in den ersten Meldungen noch wie eine Räuberpistole las: „Kunst für eine Milliarde Euro in einer Messi-Wohnung gefunden“, relativierte sich in den letzten Tagen einerseits, andererseits wurde der Kern der Sache bestätigt. Weder Chagall noch Canaletto lagen im Müll oder dienten als Schmierpapier, aber die Chagalls und der Canaletto waren wirklich da. Bilder und seltene Lithografien, die seit Mitte der dreißiger Jahre niemand (?) mehr gesehen hatte. Sie waren seit der berüchtigten Kunstausstellung „Entartete Kunst“, in der der leidliche Aquarellist Adolf Hitler die Moderne Malerei verdammte, verschwunden. Unrettbar verloren, angeblich verbrannt im Dresdner Feuersturm. Es überrascht nicht, dass diese Aussage ausgerechnet vom Vater des Mannes stammt, in dessen Wohnung die Bilder gefunden wurden

Bei den aufgefundenen Werken handelt es sich nicht nur um die entartete Moderne, sondern auch um Alte Meister, die jüdischen Sammlern von den Nazis abgepresst wurden. Ausreisepapier und ein wenig, sogar sehr wenig, Bargeld waren die gängige Währung für Kunst aus jüdischem Besitz. Dieses wenige Bargeld macht die Sache mit dieser Art von Raubkunst so kompliziert. Streng legalistisch gesehen und unter Außenvorlassen jeder Moral, war der Erwerb dieser Bilder zunächst einmal legal. Eine Situation, die der internationale Kunsthandel lange Jahre gnadenlos ausgenutzt hat - war doch egal, woher die Bilder stammten. Alles legal. Die Erben der Alteigentümer, wenn es denn welche gibt, müssen unter viel Aufwand den Nachweis führen, dass der Klimt oder Picasso, der früher in Großmutters Salon hing, nicht verkauft, sondern abgepresst wurde.

Einfacher ist die Sache, wenn die Gemälde aus Privathäusern oder Museen im Ausland stammen und von den Besatzern requiriert, also schlicht geklaut wurden. Wenn die Münchner Bilder ausländischen Eigentümern zugeordnet werden können, gehen sie zurück.

Raubkunst gab es auch bei den Alliierten. Allerdings in entscheidenden juristischen Abstufungen. Die Kunstjäger der UdSSR arbeiteten im Auftrag des Staates, was zur Folge hatte und hat, dass Schliemanns „Schatz des Priamos“ heute im Puschkin-Museum in Moskau ausgestellt wird, da er von Russland als eine Art Kriegsfolgenentschädigung betrachtet wird.

Anders der Fall des Quedlinburger Domschatzes. Dessen wertvollste Stücke von einem GI per Feldpost nach Hause in Texas geschickt wurden. Der Schatz tauchte erst wieder auf, als die Erben des Mannes in den 1980ern versuchten, ihn zu verkaufen. Trotz eindeutig scheinender Rechtslage tobte eine juristische Schlacht, die mit einem Vergleich endete.

Eine Frage geht aber in der Debatte um die große Kunst immer unter: Wo sind eigentlich die Besitztümer der deportierten und ermordeten Juden geblieben, die nicht zur Klasse der reichen Kunstsammler gehörten? Die Versteigerungen von jüdischem Hausrat erfreuten sich, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den besetzten Ländern, größter Beliebtheit. Ein bequemer Weg, für die Nachbarn preiswert an ein Klavier, eine Anrichte oder an ein Porzellanservice zu kommen…