BERSCHBACH
SIMONE MOLITOR

Caroline Arendt hat als Physiotherapeutin im Blindenheim ihren Traumberuf gefunden

Seit gut anderthalb Jahren arbeitet Caroline Arendt als Physiotherapeutin im Blindenheim in Berschbach. Es ist ihre erste Arbeitsstelle, und so schnell will sie dort auch nicht mehr weg. Ob die Arbeit mit älteren Menschen sie verändert hat und wie ihr Alltag im Blindenheim aussieht, erzählt die 29-Jährige im Interview.

Was hat Sie dazu bewegt, diesen Job anzunehmen?

Caroline Arendt Ich muss zugeben, dass ich nach meinem Studium viele Bewerbungen verschickt habe. Damals wäre mir eine Arbeitsstelle näher an meinem Wohnort lieber gewesen… Dann habe ich diese Stellenanzeige gesehen und mein Glück versucht. Die Vorstellung, mit älteren Leuten zu arbeiten, hat mir sowieso immer schon gefallen. Über das Blindenheim an sich hatte ich auch nur Gutes gehört.

Wie ist es denn, mit älteren Leuten zu arbeiten?

Arendt Erfahrung in diesem Bereich konnte ich schon während meines Studiums sammeln. Das war also schon immer in gewisser Weise meine „Richtung“. Natürlich ist es so, dass man mit Senioren niemals das erreichen kann, was man vielleicht mit einem jüngeren Menschen erreichen könnte. Ein älterer Mensch wird auch nach einer zweiwöchigen Behandlung nicht wieder gut laufen können.

Welche Rolle spielt die Physio-Abteilung innerhalb
eines Altenheims?

Arendt Eine sehr wichtige. Würden die Bewohner die ganze Zeit nur im Sessel sitzen und sich fast nicht bewegen, würde das natürlich auch bewirken, dass sie ihre Beweglichkeit verlieren. Wir tragen also dazu bei, dass sie „mobil“ bleiben, also sich ihr Zustand zumindest nicht verschlechtert. Oder wir versuchen sie, nach einer OP wieder „fit“ zu machen. Wir haben auch Ergotherapeuten, die zu den Bewohnern gehen und Turnübungen mit ihnen machen. Zu uns ins Untergeschoss kommen die Senioren normalerweise mit einem Rezept vom Arzt, sie können aber auch spontan vorbeischauen. Wir richten uns da ganz nach den Bedürfnissen der Bewohner. Deren Wohl liegt uns sehr am Herzen. Wenn nötig nehmen wir uns auch gerne eine Stunde Zeit für einen Patienten. Es ist also etwas anders als in einer üblichen Praxis.

Sie haben auch einen tollen Fitnessraum, wird das Angebot viel genutzt?

Arendt Es gibt schon welche, die täglich freiwillig auf die Fitnessgeräte kommen. Diese sind speziell auf Senioren ausgerichtet. Letzteren versuchen wir auch klarzumachen, dass die Übungen wichtig für ihre Muskeln sind, und dass sie so mobil bleiben. Sie sehen dann auch selbst, dass das Training ihnen gut tut. Davon abgesehen, denken die Senioren so während einer halben Stunde zumindest nicht an ihre Schmerzen oder ihr Leid. Zwei ältere Herren liefern sich regelmäßig einen Wettkampf auf den Fahrrädern. Sie wollen immer genau wissen, wie viele Kilometer sie zurückgelegt haben und prahlen dann im ganzen Gebäude damit. Andere, die davon hören, kommen dann auch runter und wollen das Resultat toppen. Es ist schon lustig hier. Die Stimmung ist gut und wir lachen viel. Mir macht die Arbeit viel Spaß. Eine bessere Stelle hätte ich nicht finden können.

Das Ganze hat natürlich auch seine Schattenseiten. Wenn man mit älteren Leuten arbeitet, ist man gleichzeitig auch mit Krankheit und Tod konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Arendt Es ist nicht immer leicht, das stimmt. Wenn sich der Gesundheitszustand von Bewohnern, die ich ab und zu behandele, nach und nach verschlechtert, gehe ich immer noch einmal hoch, um mich sozusagen zu verabschieden. Betrifft es allerdings eine Person, die ich täglich sehe, fällt mir das Ganze schwerer. Das geht mir dann doch sehr nahe, schließlich haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Man muss einfach dafür gemacht sein. Mit der Zeit lernt man, sich mit seinen Gefühlen etwas zurückzuhalten. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Patienten, der gestorben ist. Damals fiel es mir sehr schwer, damit klarzukommen. Heute tut es mir natürlich immer noch sehr leid, aber ich bin mir bewusst, dass niemand mehr von hier wegkommt, niemand geht nach einer gewissen Zeit wieder nach Hause, sondern stirbt hier. Ich komme inzwischen besser damit zurecht. Das muss man einfach. Auf einer richtigen Palliativstation könnte ich allerdings nicht arbeiten.

Sind sich die Bewohner auch darüber im Klaren, dass dies ihr letztes Zuhause ist?

Arendt Ja, sie sind sich dessen bewusst. Wenn wieder einmal einer sagt, „ach, ich wäre so gerne wieder zu Hause“, versuche ich ihm zu verdeutlichen, dass hier besser für ihn gesorgt werden kann. Würde er zu Hause hinfallen, wäre nicht sofort jemand da, so wie das hier der Fall ist. Wir sind immer für die Senioren da.

Sind die Senioren trotzdem noch lebensfroh?

Arendt Ja sicher, sie werden ja auch gut umrahmt und viel beschäftigt, etwa während der morgendlichen Bewegungsstunde oder dem gemeinsamen Kochen mit den Kindern. In die Struktur integriert ist ja auch eine Maison relais. Den älteren Bewohnern tut der Kontakt mit kleinen Kindern sehr gut.

Denkt man anders über das Leben, wenn man an einem solchen Ort arbeitet?

Arendt In gewisser Weise schon. Nicht selten sagt ein Patient zu mir: „Genieß dein Leben, so lange du jung bist, du siehst, wie schnell man im Rollstuhl sitzt, wie schnell das Leben an einem vorbeiziehen kann, ohne dass man bestimmte Dinge getan oder erlebt hat“. Das wird einem dann doch bewusster. Ich lebe deshalb heute vielleicht etwas mehr nach Genuss.

Die Menschen werden immer älter, wie sehen Sie diese Entwicklung?

Arendt Strukturen wie unsere sind von großer Wichtigkeit. Eine größere Anzahl an Altenheimen wird in den kommenden Jahren nötig. Bereits heute haben wir lange Wartelisten. Eine eigene Palliativstation wäre vielleicht auch bei uns wichtig. Es ist ja nicht mehr so, dass die Familien ihre älteren Angehörigen zu Hause behalten und bis zum Tode pflegen, wie das früher der Fall war.