LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Ein Gespräch mit dem Editpress-Geschäftsführer über das „Tageblatt“ und die Zukunft der Zeitungen

Wie vor hundert Jahren steht auch heute Esch-Alzette im Mittelpunkt des Interesses. Damals wegen der „boomenden“ Stahlindustrie, heute wegen der neuen Stadt, die seit einigen Jahren auf Belval entsteht. Damals, fast genau ein Jahr vor Beginn des verheerenden 1. Weltkriegs gründete der Diekircher Druckunternehmer und Gründer der Zeitung „Landwirt“, Paul Schroell in der Minette-Metropole das „Escher Tageblatt“ als Sprachrohr der bürgerlichen Linken. Heute ist das „Tageblatt“ das Flaggschiff eines modernen Medienhauses, das derzeit insgesamt etwa 500 Mitarbeiter zählt, nicht nur zahlreiche weitere Zeitungen („L’Essentiel“, „Le Quotidien“, „Le Jeudi“...), und andere Veröffentlichungen druckt und heraus gibt, sondern auch eine ganze Reihe von anderen Standbeinen aufgebaut hat. Eine kleine Zeitreise mit Editpress-Geschäftsführer Alvin Sold durch ein Jahrhundert Presselandschaft zum 100. Jubiläum der zweitgrößten Luxemburger Tageszeitung, die gestern Abend im Rahmen einer akademischen Sitzung gefeiert wurde.

„Die demokratischen Forderungen im Luxemburger Lande mit Nachdruck, Überzeugung und Konsequenz vertreten“

„Ich würde mir wünschen, dass es auch heute noch mehr linksliberale Geschäftsmänner vom Schlage Paul Schroells gibt“, sinniert Alvin Sold über den Gründer des „Escher Tageblatt“, das der Drucker aus Diekirch im Juni 1913 in einer Escher „Garage“ drucken ließ. „Das Escher Tageblatt soll eine freie Volkstribüne sein, auf der das Volk seine Meinung frei vertritt und auf der das Volk zum Worte kommen soll“, stellt sich die neue Zeitung in der ersten Ausgabe am 30. Juni 1913 vor, „in dem Escher Tageblatt stellt das Volk seine Forderungen auf und bringt seinen Willen zum Ausdruck. Das Escher Tageblatt wird die demokratischen Forderungen im Luxemburger Lande mit Nachdruck, Überzeugung und Konsequenz vertreten. Das Escher Tageblatt hat als engeres Wirkungsfeld den Kanton Esch gewählt, weil in diesem Kanton der Mittelpunkt der demokratischen Bestrebungen des Luxemburger Landes ist“.

Gerade einmal 2.000 Exemplare betrug die erste Auflage. Dass sie anstieg, hatte auch damit zu tun dass Paul Schroell den Lehrer und Literaten Frantz Clément als Chefredakteur gewinnen konnte.

Die Ausübung der Meinungsfreiheit war damals ein gefährliches Unterfangen: Wegen seiner deutschkritischen Haltung wurde das „Escher Tageblatt“ bei Ausbruch des
1. Weltkriegs vom deutschen Besatzer zeitweise eingestellt, Schroell und Clément mussten Wochen in Arrest verbringen.

Clément, ein Verteidiger der Demokratie gegen die totalitären Regime, die sich besonders in den 1930ern in Europa breit machten, musste bitter für seine kompromisslose Verurteilung der Diktaturen büßen: 1942 wurde er im KZ Dachau hingerichtet. Bereits im April 1933 war das „Escher Tageblatt“ in Nazi-Deutschland verboten worden. Die fundamentale demokratische Gesinnung der Zeitung, die sich seit 1927 im Besitz des Berg- und Metallarbeiter-Verbands, sowie des Landesverbands der Luxemburger Eisenbahner befand, beeinflusste auch maßgeblich den Widerstand gegen das so genannte „Maulkorbgesetz“ von 1937 durch das die rechtsliberale Regierung von Joseph Bech die Kommunistische Partei verbieten wollte. „Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist die wichtigste Phase in der Entwicklung des Tageblatt“, unterstreicht Alvin Sold. Nach den Wirren des
2. Weltkriegs erschien das „Escher Tageblatt“, das seit 1927 und bis 1953 unter der Leitung von Hubert Clément stand - Clément war seit 1935 auch Bürgermeister von Esch und später sozialistischer Abgeordneter - am 13. September 1944 erneut. Nach der Zeit des Wiederaufbaus kam eine Zeit des technischen aber auch des journalistischen Umbruchs. Zu letzterem hat auch der „Républicain Lorrain“, der ab 1961 eine Luxemburger Ausgabe herausbrachte, viel beigetragen. „Der schnelle Erfolg dieser überparteilichen Zeitung hat die Luxemburger Presse aus dem parteipolitischen Schlaf geweckt“, bringt es Alvin Sold auf den Punkt. Zusätzlich stellte die Krise der Stahlindustrie in den 1970ern das Land vor riesige Herausforderungen. „Die Überzeugung war: Das Land muss ein anderes werden“, erinnert sich Alvin Sold, der 1974 als Chefredakteur zum „Tageblatt“ stieß. Zu einem Moment an dem die „Gutenberg-Ära“ zu Ende ging.

Fruchtbare Partnerschaften

Der technische Umstieg vom Bleisatz auf das Fotosatz- und Offset-Verfahren ging natürlich nicht ohne erhebliche Investitionen, vor allem in eine neue Rotationsdruckmaschine. Zudem trieb die Entscheidung, eine komplette Tageszeitung anzubieten, die Effektive in der bis dahin relativ kleinen Redaktion in die Höhe. 1981 wurde aus der Genossenschaftsdruckerei eine Gesellschaft mit begrenzter Haftung namens Editpress, 1993 kam die Umwandlung in eine „Société Anonyme“ in die neben den Hauptgesellschaftern rund 160 Privataktionäre - meist Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik - einstiegen. 2001 stieg auch die französische Tageszeitung „Le Monde“ in die SA ein - und Editpress bei „Le Monde“. Beide Medienhäuser waren damals auf der Suche nach internationalen Partnerschaften, Editpress vor allem um das neue Druckzentrum in Esch-Sommet optimal auszulasten. Seither ist das Haus zahlreiche weitere Partnerschaften eingegangen: Mit den „Républicain Lorrain“-Eignern zum Start des „Le Quotidien“, mit der belgischen Rossel-Gruppe bei der Luxpost, mit der schweizerischen Tamedia im Rahmen der Gratiszeitung „L’Essentiel“.

Im Oktober 2011 kam es zu einer Partnerschaft mit den „Editions Lëtzebuerger Journal“, bei der das „Journal“ zu 8% Aktionär bei Editpress wurde. Längst hat Editpress eine starke Internetpräsenz seiner Veröffentlichungen aufgebaut. Richtung online total: Ist das die Zukunft der Tageszeitungen? Vorerst jedenfalls nicht, ist Alvin Sold überzeugt, denn das Internet-Geschäft, das es den Zeitungen übrigens erlaubt, aktualitätsmäßig Terrain gut zu machen gegenüber dem Radio, ist bislang noch kein kostendeckendes. Dass die Nachfrage nach Online-Inhalten kontinuierlich steigen wird, sei allerdings vorauszusehen. Doch Alvin Sold glaubt auch daran, dass jene nach Hintergrundinformationen ebenfalls steigt. Eine Chance, Zeitungen zu Premium-Produkten zu entwickeln. Zugleich eine immense Herausforderung für die Herausgeber - und natürlich auch die Journalisten.
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