LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Noch nie haben sich so viel Unternehmen wie in diesem Jahr für den Nachhaltigkeitspreis der FEDIL beworben

Mehr Hitzetote, mehr Wetterextreme, mehr Probleme mit dem Klimawandel, der immer weiter voran schreitet: In dieser Woche gab es wieder mehrere Studien zum Thema. Gestern Abend wurde in den Räumen der Handelskammer der Umweltpreis des Industrieverbandes FEDIL zum 16. Mal vergeben. Diesmal gab es einen Rekord. „Wir hatten noch nie so viele Bewerbungen“, stellt Gaston Trauffler fest, der bei der FEDIL für den Bereich Industriepolitik zuständig ist. „Zuvor waren es in der Regel fünf bis sechs, in diesem Jahr 16!“ Die meisten Projekte entstehen laut Trauffler, weil die Kunden sie wollen. Das heißt: Der Markt drückt in Richtung Nachhaltigkeit.

In Luxemburg wurde der Umweltpreis 1987 im Rahmen des „Europäischen Jahres der Umwelt“ ins Leben gerufen, und nach mehreren jährlichen Ausgaben wird der Preis seit Anfang der 90er Jahre alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Innovationspreis des Industrieverbandes FEDIL organisiert. Seit seiner Gründung durch die FEDIL ist der Umweltpreis Teil des Europäischen Umweltpreises, den die Europäische Kommission alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern nationaler Preise in den EU-Mitgliedstaaten und den Beitrittsländern organisiert. Bislang gab es nie einen Luxemburger Laureaten beim Europäischen Preis. „In diesem Jahr könnte das zum ersten Mal klappen“, schätzt Trauffler. Für den Lobby-Verband der Industrie ist klar, dass die Industrie nicht gegen die Energiewende ist. „Wir wollen, dass sie in einem Rhythmus vollzogen wird, dass die Industrie auch noch morgen bestehen kann“, unterstreicht Trauffler. Erstmals vergab die FEDIL in diesem Jahr einen zweiten Preis in der Kategorie energieintensive Industrien. Die Jury hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und alle Bewerber vor Ort besucht.

FEDIL-Präsidentin Michèle Detaille hob in ihrer Rede nicht nur die herausragende Qualität der Projekte hervor, sondern auch die Tatsache, dass sie sich ausgezeichnet in die Strategie von Jeremy Rifkin einfügen und dazu beitragen, die Treibhausgas-Ziele zu erreichen. „Die Gewinner zeigen durch ihre Projekte, dass die Konzepte der Circular Economie, des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen sowie Energie und das Recycling in den Unternehmen schon heute Wirklichkeit sind!“, sagte die FEDIL-Präsidentin. Gleichzeitig ärgert sie sich, dass die Auflagen für die Konkurrenzunternehmen im Ausland oft viel lascher sind.

Starke CO2-Reduktion

Dennoch: Die Luxemburger Industrie hat laut Detaille zwischen 2006 und 2016 ihren CO2-Ausstoß um 42 Prozent gesenkt. „Die Industrie ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, sagte sie. Die FEDIL-Präsidentin schlug vor, Unternehmen im Gegenzug für klimafreundliche Investitionen über einen langen Zeitraum hinweg von der CO2-Steuer zu befreien.

Seit Anfang 2019 gibt es Gespräche zwischen der FEDIL, dem Umweltministerium und der Europäischen Investitionsbank (EIB), um den Energieverbrauch zu senken. Dies spielt eine Rolle vor dem Ende des Jahres fälligen Klimaplan der EU, der auch die Industrie betrifft. Umweltministerin Carole Dieschbourg war erstmals anwesend, um den Preis der FEDIL zu überreichen. „Der Dialog mit ihnen ist mir wichtig“, betonte sie vor den rund 150 Gästen aus der Industrie. Der wird kaum ausbleiben. Denn bis 2030 will sie mehr Anstrengungen fordern, um die Ziele zu erreichen.

Hydro Aluminium Clervaux S.A. für das Projekt „Circal 75R“

Kategorie „Energy Intensive Industries“

Der norwegische Konzern Norsk Hydro erzeugt Primäraluminium, verarbeitet es zu Gussprodukten, Walzprodukten, Strangpressprodukten und Systemlösungen und recycelt Aluminium. Das 1905 gegründete Unternehmen beschäftigt rund 35.000 Mitarbeiter in 40 Ländern. In Clervaux befindet sich das größte europäische Aluminiumwerk von Hydro mit einer Kapazität von 115.000 metrische Tonnen pro Jahr. Das Werk Clervaux entwickelte eine neue Art und Weise, geschredderte Legierungen einzuschmelzen und gilt als Pionier im Bereich der Aluminiumumschmelzung. 2016 hatte der Konzern bereits zehn Millionen Euro in die Modernisierung investiert und war 2017 mit dem Innovationspreis der FEDIL ausgezeichnet worden. Da die Erzeugung von Aluminium einerseits energie- und kostenintensiv ist und andererseits Aluminium unbegrenzt recycelbar ist, setzte der Konzern auf Circal 75 R. Dieses neue Produkt besteht aus mindestens 75 Prozent Verbraucherschrott. Beim Recycling von Aluminium werden nur fünf Prozent der Energie benötigt, die zum Herstellen von Primärmetall erforderlich sind. Daher ist die Energie-Ersparnis sehr hoch. Seit diesem Jahr wird Circal 75 R in Clervaux gefertigt. Derzeit wird die Kapazität ausgebaut. Neben Luxemburg produziert auch ein Schwesterwerk in Spanien Circal 75R. Dieses Aluminium wird vor allem von Bauunternehmen genutzt. Die Nachfrage ist sehr hoch, nicht zuletzt, weil es immer mehr Auflagen für Nachhaltigkeit am Bau gibt. Hydro reagiert darauf. Bis 2020 will der Konzern eine Million verunreinigten Aluminiumschrott erfassen und Aluminium klimaneutral herstellen.
Apateq - PWT S.A. für das Projekt „Trinkwasserbehandlung für Mörbylånga“

Kategorie „Process“

Das Luxemburger Cleantech-Unternehmen Apateq hat in diesem Sommer auf der schwedischen Ferieninsel Öland in der Gemeinde Mörbylånga eine europaweit einmalige Anlage zur Behandlung von Trinkwasser eröffnet. Monatelang hatten Gemeindeverantwortliche Anlagen verschiedener Hersteller getestet, die sowohl Industrieabwasser als auch Brack- und Brunnenwasser reinigen sollten. An der Ausschreibung beteiligten sich international tätige Weltmarktführer. Aber nur Apateq konnte die strengen schwedischen Normen erfüllen. Jetzt macht die 11,3 Millionen Euro teure Anlage den Transport des Trinkwassers für die 15.000 Einwohner und die zahlreichen Touristen per Lkw über die mit einer Brücke mit dem Festland verbundene Insel unnötig. Das war insbesondere während der Hochsaison, wenn sich die Anzahl der Anwesenden verzehnfachte, teuer, aufwendig und wenig ökologisch. Die Anlage kann täglich zwischen 500 und 4.000 m3 Wasser reinigen. Das Wasser wird mit einer Membrantechnologie behandelt. Die Anlage erlaubt auch einer örtlichen Hähnchenschlachterei den Ausbau ihrer Kapazitäten. Die Eröffnung geriet zum Volksfest und war so wichtig, dass sowohl die schwedische Kronprinzessin Victoria als auch Prinz Félix vor Ort waren. Zahlreiche Gemeindevertreter anderer Inseln und Festlandorte zeigten sich interessiert, eine solche Anlage zu erwerben.

ArcelorMittal Belval & Differdange für das Projekt „Abwärme von ArcelorMittal/SUDCAL“

Kategorie „Energy Intensive Industries“

Seit Mai 2018 nutzt das Viertel Belval rund um die Uni die Abwärme der Walzstraße 2, die Spundwände herstellt. Dort wird der Rohstahl auf 1.300° C erhitzt, die Rauchabgase des Ofens erreichen 800° C. Ein neuer Wärmetauscher kühlt die Rauchgase von 450 auf knapp 130° C ab. Diese Abwärme wird nun für das Wärmenetz von SUDCAL genutzt. Sie heizt rund 180 Häuser, darunter auch die charakteristischen roten Hochhäuser, sowie Teile der Viertel Nonnewisen und Sommet. Insgesamt profitieren rund 200 Kunden davon. Theoretisch können bis zu 4.000 Häuser beheizt werden. Die Abwärme deckt rund 70 Prozent des SUDCAL-Bedarfs. Sie entspricht rund 1,6 Millionen Heizöl und vermeidet etwa 5.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Ein ähnliches Projekt hat ArcelorMittal bereits in Dünnkirchen umgesetzt. DK Energy Luxembourg, eine Tochtergesellschaft von Dalkia, hatte rund zwei Millionen Euro in die Wärmetauschanlage investiert. Der Vertrag zwischen ArcelorMittal und SUDCAL ist auf zehn Jahre angelegt und kann verlängert werden.

Tarkett GDL S.A. für das Projekt „iD Revolution“

Kategorie „Product“

Als weltweit operierendes Unternehmen, das vom Teppich über Linoleum bis hin zu Laminat und Kunstrasen Bodenbeläge in über hundert Ländern produziert, verfügte Tarkett über viel Erfahrung und setzt gezielt auf recycelbare Bodenbeläge. In Wiltz wurde der hundertprozentig wiederverwertbare und aus 83 Prozent recycelten Materialien, Biomaterialien und Mineralien bestehende „iD Revolution“ entwickelt. Dafür erhielt er als erster harter Bodenbelag eine „cradle-to-cradle“-Goldzertifizierung. Dabei werden die Kriterien Gesundheit, Wiederverwertung, sorgsamer Umgang mit Wasser, Nutzung von erneuerbarer Energie sowie soziale Fairness berücksichtigt. Bei der Fertigung wird 99 Prozent des Wassers recycelt. Produziert wird nur mit erneuerbaren Energien. Weichmacher und Lösungsmittel werden nicht verwendet. Auch in Clervaux wird der Belag gefertigt, der in jahrelanger Arbeit entstand und für den 70 verschiedene Materialien getestet wurden. Der Bodenbelag besteht aus den Windschutzscheibenfilmen, die ein französisches Start-up zur Verfügung stellt, aus Biokunststoff und - zu 49 Prozent - aus Kalk. Dieser stammt aus der Entkalkung und ist auch recycelt. Der Bodenbelag wurde in Luxemburg bereits verbaut und wird am Markt stark nachgefragt.