LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

minimënster-Programm setzt auf starke Themen statt auf pure Unterhaltung

Auf einfachen Hockern sitzen an diesem Morgen zwei Schulklassen kreuz und quer durch den Saal verteilt im oberen Stockwerk des Kulturzentrums neimënster und warten darauf, dass der Vorhang fällt. „Fracasse ou la révolte des enfants des Vermiraux“ der „Compagnie des Ô et Sarbacane“ steht auf dem Programm. Einen richtigen Vorhang gibt es zwar nicht, genau so wenig wie eine Bühne, dafür sitzen die jugendlichen Zuschauer mitten im Geschehen, an dem sie sich noch dazu aktiv beteiligen. Der Ort des Geschehens ist das Waisenheim von Vermiraux, in dem es weder Musik, noch Spiele oder Bücher gibt, dafür aber Bestrafung und Gewalt. Um ihrem tristen Schicksal zumindest etwas zu entkommen, flüchten sich drei Waisenkinder mit ihrem Buchhelden „Captaine Fracasse“ in eine Welt der Fantasie, in die sie das Publikum mitnehmen. Gäbe es nicht diesen ernsten Hintergrund, könnte sich dies vielleicht nach einem ziemlichen Spaßstück anhören, es basiert jedoch auf wahren Begebenheiten. Am Ende kommt es zum Aufstand, die Waisenkinder lehnen sich gegen die Autoritäten auf und setzen sich gegen die jahrelange Repression zur Wehr.

Aktuell und sinnvoll

Im neimënster wird an diesem Morgen mit Kissen gekämpft, im Jahr 1910, als sich diese Revolte tatsächlich zutrug, musste die Polizei anrücken. Es kam zum Prozess, und die Heimleitung wurde angeklagt. „Es war das erste Mal, dass Kinder gegen Erwachsene beziehungsweise gegen die Repression der Erwachsenen gewonnen haben. Dieses Stück passt hervorragend in die heutige Zeit, weil sich die Jugend ja gerade wieder auflehnt, auf die Straße geht und gegen uns Erwachsenen protestiert“, vergleicht neimënster-Direktorin Ainhoa Achutegui. „Auch für Kinder und Jugendliche wollen wir hier kein Entertainment bieten, sondern Sachen, die wirklich durchdacht sind. Hinter unserem minimënster-Programm stecken sehr viele Überlegungen“, fügt sie hinzu. Mit diesem Kinder- und Jugendprogramm startet das Kultur- und Begegnungszentrum nun in seine dritte Saison.

„Kinder sind nicht das Publikum von morgen, sondern das Publikum von heute, das sich demnach mit Themen auseinandersetzt, die mit dem Heute und unserer aktuellen Gesellschaft zu tun haben“, so Ainhoa Achutegui. Eben diese Sujets sollten deshalb ihrer Meinung nach auch auf den Bühnen thematisiert werden. Statt „Benjamin Blümchen“ oder Ähnlichem haben Stücke Priorität, die den Kindern etwas bringen, was über die reine Unterhaltung hinausgeht. „Um philosophische oder ethische Themen noch besser mit den jungen Zuschauern anzugehen, sie für sie verständlicher zu machen, ihr Bewusstsein für Respekt und Verantwortung zu schärfen, arbeiten wir in dieser Saison konsequent mit dem Verein SEVE zusammen, der in Philosophie-Workshops entweder eine Vorbereitung oder eine Nachbereitung bietet. Dahinter steckt die Idee, den Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, kritische Gedankengänge zu entwickeln“, erklärt sie.

Programm bereits für die ganz Kleinen

Acht Produktionen hat neimënster diese Saison in seinem minimënster-Programm. Nach „Fracasse“ folgt im Dezember mit „Iglo“ ein Stück für die ganz Kleinen zwischen null und fünf Jahren. Das Ensemble Musica wird sie während dieses spielerischen Parcours mit auf eine Reise in die Welt der Musik und des Theaters nehmen.

Im Januar findet eine neue „Jazz for Kids“-Auflage statt - ein Spektakel, das weit über ein simples Konzert hinausgeht. „Das ist ein echter Hit“, freut sich die Direktorin des Kulturzentrums. Im Februar wird mit „Akim rennt - Die Geschichte einer Flucht“ Schattentheater für Kinder ab sechs geboten. In dem Stück geht es um ein Kind, das allein aus seinem völlig zerstörten Heimatdorf in Syrien flüchtet. Akims Schicksal steht stellvertretend für die Erlebnisse vieler Kinder und Jugendlicher, die zurzeit nach Europa kommen.

Die preisgekrönte Produktion „L’Herbe de l’oubli“ richtet sich ebenfalls im Februar an Jugendliche ab 14 Jahren. Thema des Stücks - gespielt wird mit Riesenmarionetten - ist die Katastrophe von Tschernobyl, beziehungsweise die Situation über 30 Jahre danach. Zwecks Recherche hat sich die Theatertruppe „Point Zéro“ vor Ort begeben, um sich mit Überlebenden und Bewohnern der Sperrzone in Weißrussland und Nuklearexperten zu treffen und Fragen zum Leben danach zu stellen.

„Est-ce que je peux sortir de table?“ heißt es im März. Das junge Publikum ab vier Jahren taucht in eine Fantasiewelt voll spannender Konstruktionen mit Tellern als Trampoline und Gabeln als Klettergerüst ein. Dabei geht es nicht nur um die allseits bekannte Frage „Ich bin fertig, kann ich aufstehen?“, sondern um so manche Situationen der Kindheit, in denen einfach alles zu groß ist und man die Erwachsenen absolut nicht versteht.

Auf „Le (tout) Petit Prince“ dürfen sich dann wiederum im April die ganz Kleinen freuen. Die Inszenierung kommt ohne Sprache aus, dafür werden aber viele Lichter, Musik und Puppen eingesetzt, um die berühmte Geschichte von Saint Exupéry mit all ihren Botschaften für die Zwei- bis Sechsjährigen verständlich zu machen.

Musikalisches Figurentheater für Kinder ab drei Jahren wird im Mai mit „D’Geschicht vum klenge Fuuss, deen e Buch wollt schreiwen“ geboten. Ebenfalls im Mai erwartet das Publikum eine Wiederaufnahme: Aufgrund des großen Erfolgs in diesem Juni kehrt „Wo ist Walter?“ - „Walking-Theatre“ durch die Stadt - noch einmal zurück.

In der interaktiven Hörperformance „Das Uhu Experiment“ geht es im Juni um - teils ethische - Fragen, die für Kinder wichtig sind und die sie bewegen, etwa ums Lügen. Bei diesem philosophischen Experiment für Kinder ab neun wird Spielraum für kollektives Nachdenken, Diskutieren und Argumentieren geboten. Ziel ist es letztlich zu zeigen, dass es viele verschiedene Meinungen gibt, die trotzdem alle ihren Platz haben können.

Für das minimënster-Programm gibt es diese Saison erstmals eine „Carte de fidélité“. Weitere Informationen unter www.neimenster.lu