LUXEMBURG
BERNARD LINSTER

Bibliotheken sind die oft übersehenen Grundpfeiler von Kultur und Bildung. In Zeiten des Internets und der fortschreitenden Digitalisierung wird gerne vergessen, wie wichtig diese Institutionen auch heute noch sind. Bernard Linster, Sekretär der „Associatioun vun de Lëtzebuerger Bibliothekären, Archivisten an Dokumentalisten“ (ALBAD), erklärt, wie Bibliotheken die aktuellen Herausforderungen meistern können:

„Durch die Digitalisierung wird den Bibliotheken nun schon seit Jahrzehnten das Aussterben prophezeit. Dennoch werden weiterhin weltweit neue Bibliotheken errichtet, seien es architektonische Monumente wie die Tianjin Binhai Bibliothek oder futuristische Konzept-Bibliotheken wie die ‚Cybrary‘ (Cyber Library). Auch in Luxemburg wurde gerade mit der neuen Universitätsbibliothek der bisher größte Bibliotheksneubau des Landes eingeweiht, die neue Nationalbibliothek folgt in wenigen Monaten.

Ja, die Digitalisierung verändert die Bibliotheken, doch sie macht sie nicht überflüssig. Längst werden sie nicht mehr über ihre Inhalte definiert, sondern über den Ort. Heute sehen sich Bibliotheken als sogenannten ‚dritten Ort‘ (neben Zuhause und Arbeitsplatz), soziale Begegnungsräume wo Menschen sich treffen und verweilen können: Lernort, Bildungsort, Animationsort. Dafür müssen sie Aufenthaltsqualität und ein breites Spektrum an Angeboten bereitstellen.

Eins vorneweg: Das Buch und bisherige Aufgaben wie Wissensvermittlung, Leseförderung und Informationsrecherche werden wichtiger Bestandteil der Bibliotheken bleiben. Doch mit dem Monopolverlust geht deren Bedeutung zurück und alle Bibliotheken müssen ihre Portfolios erweitern.

Öffentliche Bibliotheken müssen zum zentralen Ort ihrer Gemeinde werden. Als eines der letzten neutralen und kostenlosen Aufenthaltsorte ohne Konsumzwang verkörpert die Bibliothek einen perfekten Standort für Aktivitäten aller Art: Drohnen-Kurse, Konferenzen, Job-Börsen, MakerSpace und andere. Das dafür notwendige Knowhow wird durch Kooperationen mit Vereinen, Organisationen oder auch Privatpersonen in die Bibliothek gebracht und Nutzern zur Verfügung gestellt. Die Bibliothek wird so zum Infrastruktur-Anbieter von Räumen, aber auch 3D-Drucker oder professioneller Software.

Wissenschaftliche Bibliotheken bleiben ein favorisierter Lernort und Treffpunkt, jedoch weniger wegen der Informationen vor Ort, welche immer mehr von den Bibliotheken digitalisiert und von überall konsultiert werden können, sondern wegen der konzentrationsfördernden Atmosphäre. Natürlich mit Arbeitsraumreservierung per Smartphone. Daneben werden die Bibliotheken verstärkt zum aktiven Player des Wissenschaftsbetriebes, indem sie durch Universitätsverlag und Open Access Publikationen selbst veröffentlichen.

All dies setzt voraus, dass Bibliotheken technologisch fit sein müssen, Personal wie Ausstattung. Mit Gratis-W-LAN, modernen Animationsprogrammen und langen Öffnungszeiten bleibt die Bibliothek auch in der digitalen Gesellschaft ein wichtiger Ort.“