Rund drei Monate sind vergangenen, seit ein verheerendes Erdbeben weite Teile Nepals in Schutt und Asche legte. Fast 8.700 Menschen fanden den Tod unter den Trümmern. Die mediale Aufmerksamkeit war groß. Menschen weltweit waren tief betroffen. Und spendeten. Mitte April kenterte ein überladenes Flüchtlingsboot auf dem Weg von Libyen nach Italien. Mindestens 800 Menschen ertranken. Das Ereignis sollte als bislang größte Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer in die Geschichte eingehen. Menschen weltweit - oder zumindest europaweit - waren tief betroffen. Und riefen zu Solidarität mit Migranten auf.
Derweil die Erdbebenkatastrophe mittlerweile komplett aus den Medien verschwunden ist, dies obwohl das Land immer noch mit den Folgen zu kämpfen hat und auf internationale Hilfe angewiesen ist, ist das Flüchtlingsthema aktueller denn je. Fast wöchentlich erreichen uns Nachrichten von Menschen, die auf der Flucht übers Mittelmeer, in Seenot geraten und sterben. Trotzdem scheint die Solidaritätswelle abgeflaut zu sein. Plötzlich ging es ja auch darum, wirklich etwas für die Betroffenen zu tun - Stichwort „Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU“ -, statt nur über sie zu reden und sich betroffen zu zeigen. Sind wir abgestumpft? Erreichen uns die Bilder von verzweifelten Menschen nicht mehr? Interessieren uns Einzelschicksale nicht? Müssen es Hunderte oder Tausende Tote sein, damit sich in uns Mitgefühl regt? Damit wir hinschauen?
Fakt ist, dass wir Bilder sehen müssen. Bilder, die verzweifelte Menschen zeigen. Bilder, auf denen zertrümmerte Gebäude zu sehen sind, gesunkene Schiffe, abgestürzte Flugzeuge, demolierte Fahrzeuge. Bilder der Zerstörung, Bilder des Todes. Dann wecken Geschehnisse plötzlich unser Interesse, die uns nicht direkt betreffen, weil sie sich irgendwo anders, weit weg, zugetragen haben. Dann blicken wir über den eigenen Tellerrand. Fehlen solche Bilder, fehlt auch unser Gefühl dafür. Ein solches Thema ohne Bilder ist Menschenhandel. Es ist ein lukratives Geschäft mit vielen Opfern und keinesfalls ein Relikt aus längst vergangenen Tagen.
Auch wenn heute Welttag gegen Menschenhandel ist - begangen wurde er zum ersten Mal am 30. Juli vergangenen Jahres - heißt das noch lange nicht, dass das Sujet die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Nackte Zahlen können Bilder nur bedingt ersetzen. Sie führen aber zumindest dazu, dass wir uns ein Bild von der Dimension eines Problems machen können. Doch verlässliche Zahlen - wie könnte es anders sein - fehlen. Genau lässt sich die Zahl der Opfer von Menschenhandel nicht beziffern. Das Leid, das ihnen widerfährt, die Brutalität, die sie erfahren, wenn sie aus Verzweiflung als leichte Beute verschleppt, sexuell ausgebeutet oder zwangsverheiratet werden und teils unter sklavenähnlichen Bedingungen leben müssen, lässt sich ohnehin nicht in Grafiken messen und wird auch mittels Statistiken nicht spürbar.
Manchmal brauchen wir Bilder und Zahlen, manchmal aber auch einfach nur den Willen, uns mit etwas zu beschäftigen und entsprechend zu handeln. Einsatz ist gefragt, in Nepal, in der Flüchtlingsproblematik und überall, wo Menschenrechte verletzt werden.


