BETTEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Die Krux mit den 20 Prozent: Experten diskutieren auf Einladung des Benelux-Parlaments über Biolandwirtschaft und die Herausforderungen der Transition

Über die Herausforderungen der Transition hin zu mehr und auch grundsätzlich zur Biolandwirtschaft im Benelux-Raum wurde gestern auf einer Konferenz des Benelux-Parlaments diskutiert. Als eine der Schlussfolgerungen der Konferenz kann man zurückbehalten, dass verschiedene Bedingungen, wenn nicht eine Vielzahl, erfüllt sein müssen, wenn „Bio“ wachsen soll.

Luxemburg verfolgt in diesem Punkt bekanntlich ambitionierte Ziele. Mit 4,5 Prozent der Agrarflächen, die biologisch bewirtschaftet werden, gehört das Großherzogtum zu den europäischen Schlusslichtern. Gleichzeitig geben Menschen in Luxemburg viel für Bio-Produkte aus. Bis 2025 soll der Prozentsatz der Bio-Landwirtschaftsfläche auf mindestens 20 Prozent steigen. Ein wichtiges Element dafür ist der neue „ambitiöse“ Aktionsplan, den Agrarminister Romain Schneider (LSAP) noch vor Jahresende der Regierung und im Parlament vorstellen will. Das Dokument werde derzeit noch finalisiert. Das Dokument sieht unter anderem die Bestimmung eines Beauftragten für Bio-Landwirtschaft im Ministerium vor, eine Anpassung der Prämien für Biolandwirte und ein Minimum an Bio-Produkten für Kantinen.

Um unterschiedliche Ansichten zusammenzubringen, lud das Benelux-Parlament, derzeit unter luxemburgischen Vorsitz, Experten und Akteure aus der Landwirtschaft ein, wie Josée Lorsché in ihrer Funktion als Vorsitzende der Kommission für Wirtschaft, Landwirtschaft und Energie des Benelux-Parlaments eingangs erklärte.

Kass: Bio-Landwirtschaft mehr als nur eine Nische

Für Tom Kass, der als einer der Biopioniere in Luxemburg gilt, muss man damit aufhören, Biolandwirtschaft weiter als Nische neben der konventionellen Landwirtschaft zu betrachten. Stattdessen müsse man dahinkommen, die konventionelle Landwirtschaft durch biologische zu ersetzen, wozu allerdings die Rahmenbedingungen angepasst werden müssten. Er räumte allerdings auch ein, dass der biologische Anbau Herausforderungen mit sich bringt. Fehler, die man ansonsten mit industriellen Produkten kaschieren könne, würde man im Bio-Anbau noch Jahre spüren.

In den Aussagen Guy Feyders, Präsident der Landwirtschaftskammer, überwog hingegen Skepsis mit Blick auf das 20-Prozent-Ziel, das er als „enorme Herausforderung“ bezeichnete. Bio-Milch mache etwa nur knapp ein Prozent der hiesigen Milchproduktion aus, wovon dennoch fast die Hälfte exportiert werden müsse. Er gab zu bedenken, dass die luxemburgischen Böden nicht die fruchtbarsten sind. Eine freie Umstellung der Produktion sei deshalb nur bedingt möglich. Zudem müsse die Gesellschaft mit der Bio-Entwicklung mitziehen und Absatzmöglichkeiten im Ausland entstehen.

Cactus-Chef Laurent Schonckert bestätigte in seiner Ausführung, dass das umsatzstarke Geschäft mit Bio wächst und dass es nicht genug Produkte gebe, um die Nachfrage zu stillen. Laut Aussagen des „administrateur-directeur“ der Cactus-Gruppe würden die Kunden heute auch Produkte akzeptieren, die Makel aufweisen beziehungsweise nicht uniform aussehen.

Philipe Grogna, Direktor von Biowallonie, berichtete von einer wachsenden Nachfrage nach Bioprodukten in Belgien. In Wallonien werden inzwischen elf Prozent der Anbaufläche biologisch bewirtschaftet. Das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu halten sei schwierig, bemerkte er. Als ein Hindernis für die Biolandwirtschaft identifizierte Lieve Vercauteren, Direktorin des „BioForum Vlaanderen“, die Überzeugung vieler Landwirte, wachsen zu müssen sowie der blinde Glaube an den technologischen Fortschritt. „BioForum Vlaanderen“ leiste Aufklärungsarbeit, um Bauern davon zu überzeugen, dass eine Bio-Produktion einen Mehrwert bieten kann. Sie sagte auch, dass eine biologische Landwirtschaft viel Wissen erfordere. Unter anderem aus diesem Grund versuche die Organisation, Biolandwirte untereinander zu vernetzen.

Für einen Biobauer aus Wallonien, der sich im Anschluss an die erste Diskussionsrunde aus dem Publikum meldete, ist der Direktvertrieb auf Biohöfen ein Übergangsphänomen: Das Bio-Produkt müsste in das Herz der Stadt gelangen, statt dass Menschen aus der Stadt zum Hof kommen, brachte er es auf den Punkt. Er wies auch darauf hin, dass Bio-Produkte nicht zu teuer, sondern vielmehr die Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft zu billig seien. Eine Aussage, der Feyder wohl zugestimmt hätte, als er zuvor darauf aufmerksam machte, dass die Landwirtschaft über Jahrzehnte nicht wirklich eine andere Wahl hatte, als dem Markt zu folgen. Davon wieder wegzukommen, sei schwierig.