HANNOVER
CHRISTINA STICHT (DPA)/LJ

Raue Sprache, rohe Sitten: In seinem Debütroman „Hool“ entführt Philipp Winklerin die Welt von Fußball-Rowdys und geht der Gewalt auf den Grund

Was treibt Männer dazu, sich zu blutigen Schlägereien irgendwo im Wald zu verabreden? Warum hassen die Hooligans von Hannover 96 die Fans von Eintracht Braunschweig so abgrundtief? Diesen Fragen geht Philipp Winkler in seinem Debütroman „Hool“ nach. Der 30-Jährige wuchs bei Hannover auf, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und ist wie sein Ich-Erzähler Heiko Kolbe Fußball-Fan.

Aus der Sicht von Fußballfan Heiko Kolbe

Heiko jobbt in der Mucki-Bude seines Onkels Axel, wo Drogen vertickt werden, und wohnt mit dem schmierigen Ex-Knacki Arnim zusammen, der Hundekämpfe veranstaltet. Die Hools sind seine Familie, die Prügeleien geben ihm den Kick. Gleich die erste Szene des Romans ist ein Live-Report vom Schlachtfeld irgendwo in einem Wald bei Olpe: Hannoveraner gegen Kölner. Heiko beschreibt, wie er seinen Zahnschutz in den Mund schiebt und dann die „Ficker“, „Hurensöhne“, eben die „Scheiß-Kölner“ fertigmacht. Winkler zieht die Leser in die Welt des Schulabbrechers hinein und nimmt sie mit auf seine Wege zwischen dem „Wotan Boxing Gym“ in Hannover, Arnims Miefbude auf dem Land und Heikos Elternhaus, wo sein alkoholkranker Vater mit einer Asiatin lebt.

Gleichzeitig Studie von kriminellen Milieus

„Verzweifelt, knallhart und voller Herz. ,Hool‘ leuchtet aus allen Wunden“, beschreibt die Schriftstellerin Lucy Fricke Winklers ersten Roman, der es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. Er ist nicht nur eine authentische Reportage aus der Fußballschläger-Szene, sondern auch eine Studie von kleinbürgerlichen und kriminellen Milieus. Es geht um Familien, die der Alkohol oder der Tod eines Kindes kaputt gemacht hat. Auch Freundschaften sind ein wichtiges Thema. In Rückblenden erfährt der Leser von großen und kleinen Katastrophen in Heikos Kindheit und Jugend.

Vieles ist komisch, ohne dass sich der Autor über die Figuren lustig macht. So machen Heiko und seine Kumpel nach dem jährlichen Treffen am Grab eines toten Freundes eine besondere Entdeckung. An der Bar einer Spielothek stoßen sie auf dem Smartphone auf den Facebook-Aufruf eines Braunschweiger Fans zum „vorsauuföööön im Lucky Luke!!!“. Der meist überdrehte Kai, Hool und BWL-Student, fragt: „Sollen wir dem Haubentaucher eine Lektion in Sachen Datenschutz verpassen?“ Die Überfall-Aktion in Braunschweig geht aber total nach hinten los. Was sich auf Arnims verlottertem Hof abspielt, gleitet sogar zunehmend ins Absurde ab.

Viel Recherchearbeit - Nie selber Hooligan

Wie er auf das Hooligan-Thema gekommen ist? „Es war auch der Wunsch, so eine Art von Buch mal selber zu lesen. Ich selber war nie Hooligan. Ich bin auf das Thema gekommen, weil ich Fußball-Fan bin, seit ich zurückdenken kann. Außerdem interessiere ich mich generell für Randgebiete und Extremsituationen. Beim Fußball ist das der Hooliganismus. Ich habe ein halbes Jahr lang recherchiert, bevor ich überhaupt ein Wort geschrieben habe“, erklärt der 30-Jährige.

Da liegt die Frage natürlich nahe, wie und ob man denn überhaupt in diese Szene reinkommt? „Die schotten sich sehr ab, auch weil sie immer wieder kriminalisiert werden. Das Umfeld ist mir aber nicht so fern. Ich bin in der Nähe von Hannover aufgewachsen und hatte Freunde und Bekannte aus dem Ultra-Bereich. Meine Recherchen gingen vom Rumtreiben über den Versuch, in bestimmte Internet-Foren hineinzukommen, bis hin zu Interviews mit szenekundigen Beamten und Fan-Beauftragten, die persönlichen Kontakt zu Alt-Hools hatten“, sagt der Autor, der in Leipzig lebt und derzeit an seinem zweiten Roman arbeitet. Worum es geht, will er noch nicht verraten. Aber: „Es wird kein „Hool II“ und es hat nichts mit Fußball zu tun.“


Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag,

Berlin, 310 Seiten, 19,95 Euro,

ISBN 978-3351036454