LUXEMBURGCHRISTIAN SPIELMANN

„Never Die Young“ von Pol Cruchten startet am 24. September im Kino

Als Pol Cruchtens Dokumentarfilm „Never Die Young“ im Rahmen des Discovery Zone, Luxembourg City Film Festivals am 3. März 2013 seine Weltpremiere feierte, war sich wahrscheinlich jeder Zuschauer sicher, einen Film gesehen zu haben, wie es keinen vergleichbaren in der Filmgeschichte gibt - ein „ufO“, ein unbekanntes filmisches Objekt. Cruchten dokumentiert das Leben des im Rollstuhl sitzenden drogenabhängigen Guido mit ungewohnten Mitteln, in einem unkonventionellen Stil, in einem „Documentaire de création“, wie Cruchten seinen Film nennt.

In Petingen fing alles an

Guido erzählt per Voice-Over sein Leben (es ist die Stimme von Robinson Stévenin), das 1959 in Petingen anfing. Er mag Gangsterfilme. Als er einen versteinerten Pfeil findet und seinem Lehrer zur Analyse überlässt, gibt ihm dieser den Fund nicht zurück, unter dem Vorwand, dass er kaputt sei. Das bringt Guido zur Schlussfolgerung, dass alle Erwachsene Drecksäcke seien. Sein bester Freund heißt Cliff, und mit den Eltern verbringt er die Sommerferien in La Panne. Anstatt ins „Kolléisch“ gehen zu dürfen, muss er ins Internat nach Belgien, was für ihn gleichbedeutend mit drei Jahre Gefängnis ist. Er beendet seine Schuljahre jedoch im Lycée Technique von Petingen, wo er erstmals in Kontakt mit Haschisch kommt. Da sein Zimmer im Keller liegt, einen separaten Eingang besitzt und niemand ihn dort stört, kann er dort ungehindert mit Gras dealen, das ihm Dealer aus der Gegend liefern. Des Öfteren fährt er mit Freunden nach Maastricht oder Amsterdam, um Nachschub zu kaufen. Im Alter von nur 15 Jahren beginnt er, Heroin zu schnüffeln. Er wird am Vorabend seines 17. Geburtstags verhaftet und landet in Dreiborn, das für ihn das Paradies schlechthin ist. Mit 19 fängt er an, Heroin zu spritzen. Noch ehe er 20 ist, wird er erneut verhaftet. Beim Versuch abzuhauen, springt er eine Mauer hinunter und bricht sich einen Wirbel. Er landet im Rollstuhl und kann nur noch spärlich seine Arme bewegen. Doch Drogen sollen sein Leben weiter beherrschen.

Maskerade

Verschiedene junge und alte Schauspieler spielen Guido, dessen Vorname erst am Schluss genannt wird, nicht aber sein Familienname - der Mann im Rollstuhl zum Schluss ist Guido. Das Markanteste im Film sind die Masken, welche die Darsteller tragen. Sie wollen unerkannt bleiben, eine Rolle spielen, die eventuell wie in Guidos Leben von Drogen regiert wurde. Noemie Crosse, Alexia Goryn und Margaux Nessi erschufen diese Masken. Lange Standaufnahmen illustrieren die Öde in Guidos Leben, in dem Drogen Glück vortäuschen.

Erst spät erkannte er, dass Heroin ihn in den Rollstuhl brachte und sein Leben beendete. Lange Kamerafahrten durch die Straßen von Petingen, durch den lokalen Bahnhof, vorbei an verfallenen Stellwerken, leer stehenden Häuser, menschenleere Gärten und Plätzen demonstrieren die Einsamkeit in Guidos Leben. Es sind Stillleben, ja, das französische Wort „Nature Morte“ umschreibt die Situation von Guido gleich. Den Bildern von Kameramann Jerzy Palacz entspringt sehr viel Symbolik. Kommentare von Guidos Familie, Freunden oder Bekannten gibt es keine. Cruchten überlässt dem Zuschauer die Beurteilung seines Schicksals. Er will in erster Linie Verständnis erwecken, nicht Mitleid, nicht Hass und schon gar nicht Gleichgültigkeit. Guido starb übrigens am 17. Dezember 2011. Dieses überaus sehenswertes „ufO“ startet erst nächste Woche im Kino.