LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

In seinem posthum erschienenen Roman „Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“nimmt Georges Hausemer die Buchszene ordentlich auf die Schippe

Worum es laut Klappentext geht: „Ein von keinerlei Sachkenntnis beleckter Literaturbanause heuert in einem Luxemburger Editionshaus als Verlagsvertreter an und versucht, in der komplizierten großherzogtümlichen Buchszene den Durchblick zu bekommen“. Worum es wirklich geht: Um einen mit bissiger Feder geschriebenen bittersüßen Rundumschlag. Wer Georges Hausemers posthum bei „capybarabooks“ erschienenen Roman „Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“ in Erwartung einer wissenschaftlichen Literaturgeschichte gleich nach dem Inhaltsverzeichnis und einer Kapitelübersicht absucht, liegt natürlich falsch. Es handelt sich nämlich tatsächlich um eine Geschichte, also einen Roman, der 1989 schon einmal erschien und fast 30 Jahre später in einer vom Autor überarbeiteten Neufassung vorgelegt wurde.

Inwiefern sich beide Fassungen voneinander unterscheiden, können wir nicht beurteilen - die 1989er Ausgabe liegt uns nicht vor -, sicher ist aber, dass große Teile neu sind, weil sich in den letzten Jahren doch einiges getan hat, beziehungsweise die Personen, um die es geht, damals noch Kinder waren. Einen Wandel hat in diesem Zeitraum selbstverständlich auch der luxemburgische Literaturbetrieb erlebt. Eben diesen nimmt Hausemer mit dem nötigen satirischen Biss unter die Lupe, oder vielmehr auf die Schippe, wobei hinter dem hintergründigen Humor doch jede Menge Wahrheit steckt.

Gut geschriebene, satirische Unterhaltungslektüre

„Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“ ist sicherlich kein preisverdächtiger literarischer Wurf. Das dürfte ohnehin nicht das Ziel des am 13. August 2018 verstorbenen luxemburgischen Schriftstellers und Batty Weber-Preisträgers gewesen sein. Vielmehr darf man davon ausgehen, dass das Schreiben ihm selbst großen Spaß bereitet hat. Als gut geschriebene, satirische Unterhaltungslektüre ist das Buch deshalb auch zu bewerten. Als Leser fühlt man sich bis zur letzten Zeile unterhalten. Vor allem, wenn man sich ein bisschen in Luxemburgs Literaturszene auskennt, liest man mit einem ständigen Schmunzeln auf den Lippen, das mehr als einmal in ein schelmisches Grinsen übergeht und gelegentlich sogar einen Anflug von Schadenfreude hervorrufen kann, weil sich da tatsächlich jemand traut, die Dinge beim Namen zu nennen. Natürlich nicht beim richtigen Namen, doch die vielen feinfühligen Anspielungen und gewollten Ähnlichkeiten werden niemandem entgehen. Während es uns Hausemer mit Namen wie etwa „Sergio Toroni oder Tonnaria“, „Tofi-Verlag“ und „Karamell-Direktion“ relativ leicht macht, muss man bei anderen schon genauer überlegen, um herauszufinden, wer im richtigen Leben dahinter stecken könnte. Genau das macht das Lesen des 200-Seiten-Buchs umso interessanter. Die wenigsten Leser werden den Roman allerdings komplett entschlüsseln.

Auch sich selbst nimmt der Autor netterweise aufs Korn, wenn er über Theo Selmer schreibt. Teilweise erschienen unter diesem Pseudonym nämlich Hausemers Reiseberichte in der Frankfurter Rundschau. „Das ist dieser alte, glatzköpfige Sack, der ständig mit seinen Reisen angibt und sich hierzulande für maßlos unterschätzt hält“, liest man nun in „Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“. Weitere Kostproben: Ein gewisser Willy Kilmusch wird als „narzisstisch bis zum Platzen“, beschrieben. An seinem Ego soll nicht einmal Messi vorbeikommen. Lucky Lambda würde derweil am liebsten „nur über Ficken, Saufen, Rauchen und Koksen schreiben“, während im Internet „postpubertäre, bloggende Weiber“ wie die „Bookbitch“ ihr Unwesen treiben, derweil der Lektor des Luksbuks-Verlags „nebenher (aus finanziellen Gründen?) Sportberichte für ein populäres (also nicht sonderlich anspruchsvolles) Wochenmagazin“ verfasst.

Buchhandelsterben und Kochbuch-Boom

Natürlich geht es nicht nur um bestimmte Personen, beziehungsweise um eine Abrechnung mit selbigen, sondern allgemein um die nationale Buchszene. Erzählt wird indes aus der Ich-Perspektive eines - am Anfang noch angehenden - Vertreters des Verlags „Luksbuks“. Etwas Verbitterung darf man übrigens durchaus in verschiedene Passagen hineininterpretieren. Angefangen bei den hiesigen Buchhandlungen, um die es nicht gut bestellt ist, denn, „in den wenigen, die das große Buchhandelsterben bislang überlebt hatten, musste ich mich erst einmal durch Souvenirregale, Plüschtierpyramiden und Bistrobereiche arbeiten, ehe ich auf Gedrucktes stieß“. Um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten, besorgt sich der Erzähler im Zeitungsladen um die Ecke je ein Exemplar sämtlicher Bücher von einheimischen Autoren, die vorrätig waren, nämlich „ein Kochbuch mit luxemburgisch-arabischen Fusion-Rezepten, ein Lexikon einheimischer Sportgrößen, das erste Kinderbuch einer ehemaligen Familienministerin, den zweisprachigen Gedichtband (Englisch und Deutsch) einer Bauunternehmergattin namens Caroline Ohm sowie Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg, in der Landessprache verfasst“. Einer dieser Autoren von Kriegsmemoiren ist Erni Schill, der dem Luksbuks-Vertreter über den Tag erzählte, „an dem er beschloss, seine Erlebnisse von 1940 bis 1945 niederzuschreiben, und über seine Erfahrungen mit einheimischen Verlegern. Ich fand, dass es nicht wenige Parallelen gab“.

Der Umgang mit den Werken einheimischer Autoren in den hiesigen Medien, kommt selbstverständlich ebenso kritisch zur Sprache. So hat etwa die Chefredakteurin von LUXLIFE, Luxemburgs auflagenstärkstem Wochenmagazin, die Frage, in welcher Form und in welchem Umfang die Bücher aus dem Luksbuks-Verlag künftig auf den Kulturseiten vorgestellt werden könnten, folgendermaßen beantwortet: „Im Prinzip trennen wir die Kultur nicht mehr vom Rest des Lebens, sondern haben sie, was uns sinnvoll und trendy erscheint, in die People-Rubrik integriert“. Der Ich-Erzähler empfindet diese Idee als „journalistischen Hirnfurz“.

Interessant ist auch die Strategie, die manche Schriftsteller angeblich anwenden sollen, um die (mittlerweile schon wieder abgeschaffte) Bestsellerliste anzuführen: „massiv seine eigenen Bücher aus den Buchhandelsregalen wegkaufen“. Aus Fachkreisen sei derweil durchgesickert, „dass bereits drei bis vier Dutzend redlich verkaufter Exemplare für Topplatzierungen reichten“. Kein Wunder also, dass am Ende im Luksbuks-Verlag entschieden wird, nur noch Bücher zu verlegen, mit denen sich zumindest ein bisschen Geld verdienen ließe: „etwa mit Ratgebern von Fernsehpromis, Ausmalbüchern für Erwachsene (…) oder Titeln wie ,Fit ohne Schweiß‘, ,Wir bauen uns eine Veranda‘ und ,Yoga für mein Haustier‘“. Oder besser noch: Statt sich als Autor monate-, wenn nicht jahrelang mit einem Roman herumzuquälen, sollte man doch besser „mit derselben Effizienz in zwei bis drei Wochen ein 15-seitiges Filmexposé“ verfassen und an die „äußerst potente staatliche Filmförderagentur“ senden.

Ja, so viel Sarkasmus und dennoch im Kern Wahres kann zwischen zwei Buchdeckeln stecken, eingebunden unterdessen in eine Geschichte, in der auch die bewährten Zutaten Liebe und eine Prise Sex nicht fehlen. Ein richtiges Ende der Story fehlt zwar, aber der Plot an sich war ohnehin von vorneherein zweitrangig, daran dürfte kein Zweifel bestehen.


Georges Hausemer: „Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“, capybarabooks,
Luxemburg 2018, 200 Seiten, Verkaufspreis: 17,95 Euro, ISBN 978-99959-43-18-9