LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Es gibt keine Zahlen zu sexuellem Missbrauch im luxemburgischen Sport

Die Enttäuschung der CSV-Abgeordneten Nancy Arendt über die maue Antwort von gleich mehreren Ministern dürfte ziemlich groß sein. Die zweiseitige Antwort auf ihre parlamentarische Anfrage lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Nichts Genaues weiß man nicht.“ Allerdings hat sich Arendt, die früher selbst Spitzensportlerin war, auch mit einem heiklen Thema befasst: Sexueller Missbrauch im Sport. Anlass ihrer Frage war der Fall einer französischen Eiskunstläuferin, über den in Luxemburg berichtet wurde. Ergänzend zur Begründung von Arendt kann man hinzufügen, dass es in den letzten Jahren spektakuläre internationale Missbrauchsfälle gab. So wurde der Turnierarzt des US-Turnverbands 2018 wegen sexuellen Missbrauchs junger Turnerinnen zu 175 Jahren Haft verurteilt. 2019 hat der US-Kongress eine Untersuchung gegen das Nationale Olympische Komitee eingeleitet, weil dort sexueller Missbrauch - mutmaßlich - systematisch vertuscht wurde.

„Omerta“?

Arendt spricht selbst von einer „Omerta“ des Sports und bezieht sich auf die Aussage einer französischen Psychiaterin: „Le sport est un univers surreprésenté dans les cas de violences sexuelles.“ Arendt stellte bezugnehmend auf diese Aussage sehr dezidierte Fragen: Ob die Regierung die Ansicht der Expertin teilt? Wie viele Fälle von sexueller Gewalt im Sport sind in den letzten Jahren in Luxemburg angezeigt worden? In wievielen Fällen kam es zu einer Anklage? Gibt es Wiederholungstäter? Wie hoch schätzt die Regierung die Dunkelziffer? Plant die Regierung eine Aufklärungskampagne zu dem Thema? Werden Handlungsanleitungen des ORK zum Schutz von Kinderrechten an die Sportvereine weitergegeben – und werden diese genutzt? Nehmen die Sportclubs vor der Einstellung von Betreuern und Trainern Einblick in das Strafregister?

Die Minister für Justiz, innere Sicherheit und Sport antworteten lange, aber inhaltslos auf diese Fragen. Schon in einer Antwort an eine parlamentarische Frage Dan Biancalana (LSAP) im Jahr 2019 habe sich der Sportminister gegen eine „Stigmatisierung“ des Sports ausgesprochen. Die Situation dort entspreche den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen.

Die Frage nach der Zahl von Missbrauchsfällen lasse sich auch nicht beantworten, da das luxemburgische Recht den „sexuellen Missbrauch“ nicht kennt. Stattdessen gehe es um „Vergewaltigung“ oder „Angriffe auf die Schamhaftigkeit.“ Weder Polizei, noch Justiz seien in der Lage eine konkrete Zahl von entsprechenden Fällen im Sportbereich zu nennen – der Begriff Sport werde in der Statistik nicht erfasst. Auf Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft habe man sich dort an maximal vier bis fünf Fälle in den letzten fünf Jahren erinnern können. In einem Fall habe es eine Verurteilung gegeben. Die Justiz könne nur dann tätig werden, wenn das Verbrechen angezeigt wird. Man könne auch nicht über die Dunkelziffer im Sport sagen, gleiches gelte für den gesamtgesellschaftlichen Bereich. Auch die Frage nach der Zahl von Verurteilungen oder Wiederholungstätern unter dem Aspekt „Sport“ könne man mangels Statistik nicht beantworten. Um handeln zu können, müssten Strafanzeigen vorliegen. Es sei auch nicht möglich die Zahl der Fälle zu nennen, in den keine Anzeige erstattet wurde. Man dürfe nicht vergessen, dass ein Strafprozess auch eine Herausforderung für das Opfer sei.

Sportvereine schauen nicht ins Strafregister

Im Rahmen der europäischen Kampagne „start to talk“, wolle man mit Aktivisten im Bereich Kinderrechte, einen Verhaltenskodex für den Sport mit Kindern aufstellen. Die Handlungsanleitungen des ORK seien einem Teil der Sportvereine sicher bekannt, würden aber nicht systematisch genutzt. Man wolle das Material aber bei dem schon genannten Codex berücksichtigen, so die drei Minister. Einblick in das entsprechende Strafregister (Bulletin n° 5) hat, laut ministerlicher Antwort, bis jetzt noch kein Sportclub oder -verband offiziell angefragt.