Das Ende der Sommerferien wird wahrscheinlich im Regen versinken: Die vor-spätsommerlichen Wetterkapriolen kann ich jeden Tag am eigenen Leib spüren, wenn ich nachmittags unser Großraumbüro verlasse, um mir ein Sandwich beim Bäcker um die Ecke zu kaufen. Sobald ich durch die Glastür des Bürohauses durch bin, stehe ich inmitten der etwas farbloseren Seite Luxemburgs: Straßenstrich, kleine Fixer und große Junkies, Kneipenprügeleien. Auch das ist Luxemburg. Ich frage mich seit einigen Tagen, ob einige Menschen aus meinem familiären Umfeld, die ich irgendwann zwangsadoptiert habe, in einem Paralleluniversum ihr Dasein dahin fristen.
Als ich jüngst mit einer Verwandten und ihren Töchtern durchs Bahnhofsviertel spazierte, zeigte sich diese Dame von Welt - ihre Selbsteinschätzung - über die „Zustände“ schockiert, die dort herrschen: Obdachlose, die in alten abgewetzten Klamotten vor Supermärkten schnorren, bleiche, abgemagerte Damen, die für ein paar Euro ihre Beine spreizen.
Sie sei schockiert, dass es in Luxemburg so etwas geben würde. „Du hättest gestern hier sein sollen, da wurde vor meinen Augen mit Koks gedealt“, entgegnete ich ihr. Haha, ich muss Ihnen die Reaktion meiner Begleiter nicht erläutern; der Schock, glaube ich, steht ihnen heute noch ins Gesicht geschrieben. Nun habe ich gut reden, da ich jeden Tag Teil dieser anderen Seite unseres Märchenlandes bin und nicht in eine Schockstarre verfalle , wenn mich im tiefsten Winter eine junge attraktive Dame mit ultrakurzem Rock anspricht und mit mir eine nette halbe Stunde verbringen möchte. Lebe ich oder lebt doch eher ein Großteil meiner Landsleute in einer Lebensblase, die sie vor der Wirklichkeit der Welt da draußen schützt? Die Verwandte spiegelt - ich versuche es mir einzureden - nicht die gesamte luxemburgische Gesellschaft wider. Oder etwa doch?
Die wenigsten interessieren sich übrigens für die internationalen Krisenherde: Syrien, Irak, Ukraine. Alles zu weit weg. Vielleicht noch die Frage: Irak liegt doch neben Ägypten? Aha, nicht? Toll, dann fällt unser All-Inklusive-Urlaub doch nicht ins Wasser. Ukraine? Ach, da gibt es Gas!
Aber nicht der, den wir für unsere Barbecueorgien benötigen? Zwischen Putin und uns fließt ja noch die Mosel, da muss er erst einmal drüber kommen, der alte Spion. Da bleibt einem die Spucke weg.
„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, sang einst ein rothaariges Mädchen aus Skandinavien. Heute stimmen viele Luxemburger gerne in dieses Lied ein. Irgendwann organisieren wir ein Casting, um den größten Verdrängungskünstler des Landes zu finden. Derer, die in ihrer kleinen unsichtbaren Luftblase verharren, Lappalien zu Staatsverbrechen aufblasen gibt es heute mittlerweile gefühlte drei Millionen. Zeitgenossen, die 365 Tage im Jahr in ihrer supa dupa cleanen Club-Med-Welt an der Realität vorbeileben und sich keineswegs bewusst sind, dass Blasen platzen können und der Fall in die harte Realität dann um so härter ausfällt. Aber bis dahin hat Kim Jong Un eh die Welt in die Luft gejagt und der Sturz wird nicht mehr schmerzen.


