CLAUDE KARGER

Seit Donnerstag sind sie zurück in den Schlagzeilen: Die Bilder des grausamsten Attentats in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland am 26. September 1980, als eine in einem Abfalleimer versteckte Bombe am Eingang des Münchner Oktoberfests 13 Menschen in den Tod riss und 200 zum Teil schwer verletzte. Die Generalbundesstaatsanwaltschaft hat aufgrund der Aussage einer Augenzeugin, die sich erst kürzlich beim Anwalt von Opferfamilien gemeldet hatte, beschlossen, die 1982 offiziell abgeschlossenen Ermittlungen wieder aufzunehmen.

Die offizielle These, dass ein junger Bursche aus Frust im Alleingang ein Massaker angerichtet haben soll, bei der er selbst ums Leben kam, gerät zusehends ins Wanken. Längst untersuchen Journalisten und Anwälte Querverbindungen zwischen dem Mann, der in rechtsextremen Kreisen unterwegs war und den Verbindungen dieser Kreise mit Geheimdiensten. In langwierigen Recherchen deckten sie eine Menge Ungereimtheiten, Schlampereien und sogar Vertuschungsversuche bei den Ermittlungen auf. Dass sie nach so langer Zeit wieder aufgenommen werden, ist ein äußerst starkes Signal der deutschen Justiz: Wir geben nicht auf, bis die gefunden sind, die dieses schreckliche Verbrechen zu verantworten haben. Wir geben nicht auf, bis die Opfer gesühnt sind. Auch nach so langer Zeit nicht.

Am Anfang des Monats vor dem Wiesn-Attentat ging am Bahnhof vom Bologna eine Bombe hoch, die 85 Menschen das Leben kostete. „Linksterrorismus“ lautete erst die offizielle Version - 15 Jahre später wurden Neofaschisten zu lebenslänglicher Haft verurteilt und Geheimdienstoffiziere wegen Justizbehinderung belangt. Auch anderswo in Europa knallte es in den 1980ern. Der Kontinent war zu einem Höhepunkt des Kalten Krieges zu einem wahren Schlachtfeld geworden. In Belgien exekutierten maskierte Männer zwischen 1982 und 1985 im „Brabant Wallon“ in der Nähe von Brüssel kaltblütig 28 Menschen. Wer für die Blutspur verantwortlich war ist immer noch unbekannt. Die belgische Justiz ermittelt weiter. Immer wieder tauchen neue Indizien und Zeugen auf. In Luxemburg sprengten offenbar gut trainierte und bestens informierte „Bommeleeër“ Strommasten und andere Infrastrukturen. Dass niemand dabei ums Leben kam: Schieres Glück. Wer das makabre Spiel spielte und warum?

Auch nach nahezu 30 Jahren Ermittlungen und einem Mega-Verfahren - das „Lëtzebuerger Journal“- und „Revue“-Journalisten in einem neuen Buch beleuchten - gibt es keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen. Es fällt jedenfalls - insbesondere vor dem oben beschriebenen äußerst angespannten geopolitischen Hintergrund - sehr schwer zu glauben, dass in Luxemburg ein paar Leute einfach so aus Frust, Revanche oder Idealismus Bomben legten und dafür sogar das Risiko eingingen, zu töten. Wer gab den Befehl? Wer erklärte Tabuzonen bei den Ermittlungen nach dem Motto „Wat net däerf sinn, ass net“, wie es ein Ermittler während des „Bommeleeër“-Prozess formulierte? Wer hielt so lange die Hand über die Täter? Die Justiz darf nicht ruhen, bis Antworten auf diese Fragen gefunden sind. Vielleicht kommen sie schneller, als man denkt.