COLETTE MART

Der Süden unseres Landes steht seit einigen Monaten im Mittelpunkt der Aktualität. Die kontroversen Debatten um das Projekt der Kulturhauptstadt Esch 2022, das Interesse der Südgemeinden für das UNESCO-Label „Der Mensch und die Biosphäre“, sowie ein historischer Artikel, der im „Luxemburger Wort“ über die Geschichte der Stahlindustrie veröffentlicht wurde, erinnern an den Weg, den die Südregion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegangen ist.

Das UNESCO-Label würde ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Luxemburger und der europäischen Öffentlichkeit auf die Besonderheiten der Südregion ziehen, hat doch der Tagebau hier einzigartige Landschaften hinterlassen, die dem Spaziergänger das Gefühl vermitteln, in einem kleinen, roten Luxemburger „Grand Canyon“ zu sein. Die Natur erobert derzeit die früheren Orte des Tagebaus zurück, und auf diese Weise entstand zwischen Esch, Schifflingen, Kayl und Rümelingen eine Landschaft, die an Charme und Einzigartigkeit ihresgleichen in Europa sucht.

Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Südens hinterließen ihre Spuren, Erklärungstafeln erinnern an die Mühen und Gefahren des Minett-Abbaus, und tief im Wald zwischen Kayl und Rümelingen rührt das Monument der „Léifrächen“ an die toten Grubenarbeiter und an die Eckdaten des Luxemburger Bergbaus. Die Erinnerung an dieses Kapitel der Luxemburger Geschichte, sowie die Aufwertung der Minett-Region als Naturschutzgebiet der besonderen Art, als Ort der Besinnung und des Nachdenkens, verdienen auf jeden Fall unsere Aufmerksamkeit. Hier und jetzt, wo der Dienstleistungssektor und die Digitalgesellschaft den Alltag und das Selbstverständnis der Menschen prägen, wo es für viele selbstverständlich ist, dass Luxemburg einen hohen Lebensstandard im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat, müssen geschichtliche Zusammenhänge verständlich und sichtbar gemacht werden, auch für die kommenden Generationen.

Die Bergwerke des Südens, der Tagebau, sowie die Stahlindustrie, die Jahrzehnte ein Integrationsfaktor der Menschen des Südens darstellte, begründeten über Jahrzehnte den Reichtum unseres Landes. Aus dieser wirtschaftlichen Entwicklung heraus entstand eine Gesellschaft der sozialen Kohäsion; alle Kinder gingen in die gleichen Schulen, alle konnten ein Leben in Würde führen, es gab einen gesellschaftlichen Zusammenhalt um die Stahlindustrie, und Arbeiterkinder, sowie auch italienische und polnische Einwandererkinder hatten echte Aufstiegschancen und wurden auch von engagierten Lehrern im Süden gefördert.

Der Blick zurück auf den Süden, die Aufarbeitung der Geschichte der Region im Rahmen des UNESCO-Labels oder auch der Kulturhauptstadt Esch, sollten Gelegenheit bieten, die Sozialgeschichte der Südregion aufzuarbeiten, weil wir nämlich in Sachen soziale Kohäsion auch heute noch aus dieser Geschichte lernen können. Der Süden war um die Stahlindustrie eine aufgeschlossene Gesellschaft, in der die Sensibilität für die Anliegen der Schwächeren kultiviert wurden, und es wäre wichtig, genau diese Lektionen in die Aktualität zu übertragen.