LUXEMBURG
COLETTE MART

Erstmals in der zeitgenössischen Geschichte Belgiens blickt ein König, nämlich Philippe, mit Bedauern auf die durch sein Land begangenen Kolonialverbrechen im Kongo zurück. Dies ist ein wichtiger symbolischer Schritt im Kontext der Zelebrierung des 60. Jahrestages der Unabhängigkeit des zentralafrikanischen Landes, das zwischen 1880 und 1960 eine belgische Kolonie gewesen ist, die sich unter Leopold II. schwerwiegendster Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hat.
Es ist auch eine wichtige Geste in der internationalen Politik, wo es allgemein an Entschuldigungen für begangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit hapert, womit eine politische Kultur aufrecht erhalten wird, in der leider das Recht des Stärkeren noch immer neben internationalem Recht und Rechtsstaatlichkeit seinen Platz behauptet. Mit der Geschichte kommen die Erinnerungen zurück, und plötzlich zirkuliert die Antrittsrede des ersten kongolesischen Premierministers, Patrice Lumumba, in den sozialen Netzwerken. Er sollte für diese Rede sterben müssen.
Die kolonialkritische Rede des charismatischen Führers, der sowohl Gräueltaten wie Ausbeutung des Landes benannte, wurde in einem politischen Kontext, der durch den Kalten Krieg geprägt war, schlecht aufgenommen. Ein Blick zurück in Zorn offenbart, dass Lumumba 1960, obwohl er ohne Zweifel gemeinsam mit Staatspräsident Joseph Kasavubu sicherlich der Richtige gewesen wäre, den Kongo mit dem Augenmerk auf die Emanzipation seines Volkes zu regieren, keine Chance hatte.
Das Land war nach der belgischen Kolonialherrschaft in keiner Weise darauf vorbereitet, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Während Europa sich allgemein gerne damit brüstet, Zivilisation und Schulwesen nach Afrika gebracht zu haben, gab es im Kongo 1960 lediglich 30 Afrikaner mit Universitätsabschluss.
Von den 4.500 Beamten waren nur drei Afrikaner. Afrikaner hatten kaum Kapital, und obwohl sie 99 Prozent  der Bevölkerung darstellten, erhielten sie nur 55 Prozent der Löhne. Der plötzliche Rückzug der Belgier stellte demgemäß den unabhängigen kongolesischen Staat vor große Probleme, dies umso mehr, da auch regionale und ethnische Führer in verschiedenen Regionen die Macht übernommen hatten, und es insbesondere in der Provinz Katanga Unabhängigkeitsbestrebungen gab.
Die Ankündigungen Lumumbas, die Kupfer- Uran- und Diamantenminen zu verstaatlichen, schürte international die Angst, der Kongo könnte sich dem sozialistischen Lager um die Sowjetunion anschließen, womit die europäischen und amerikanischen Interessen in Afrika, und auch die politischen Interessen des Westens bedroht waren. An die afrikanischen Interessen dachte in der Zeit des Kalten Krieges niemand. Diese Denkschemen hat die industrialisierte Welt bis heute nicht ganz hinter sich gelassen.
Als Kompensation für wirtschaftliche Strukturen, die immer noch dem Westen, und mittlerweile auch China zuarbeiten, und nie ganz im Interesse der Afrikaner standen, wurde weltweit in die Entwicklungshilfe investiert, auf die alle stolz sind und die uns ein gutes Gewissen gibt. Allerdings bleibt sie ein Tropfen auf dem heißen Stein im Rahmen inegalitärer Strukturen, die nie analysiert und aufgearbeitet wurden.