LUXEMBURG
MARCO MENG

Am „High Frequency Trading“ scheiden sich die Geister

Am Hochfrequenzhandel scheiden sich die Geister. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hatte unlängst eine Untersuchung zum computergesteuerten Blitzhandel angestellt - mit dem Ergebnis, dass weitere Untersuchungen folgen werden. Festgestellt wurde jedenfalls, dass es gar nicht einfach sei, das Phänomen zu untersuchen. Das wundert den vereidigten Kursmakler an der Frankfurter Wertpapierbörse Dirk Müller, auch bekannt als „Mister Dax“, gar nicht. „Hochfrequenzhandel ist kaum kontrollierbar“, erklärt er dem „Journal“. Um ein paar Handelsminuten auszuwerten bräuchte man Wochen und Monate. „Die minütliche, ja sekündliche Neubewertung von Unternehmen hat gar keinen Sinn und hätte früher zum Ausschluss von Handel geführt“, meint er. Die Börse werde durch den Hochfrequenzhandel immer mehr zum Selbstzweck für einige wenige, denen es egal sei, ob sie Aktien oder den Wetterbericht handelten. Das Fatale dabei sei, dass die Börse dadurch ihrer eigentlichen Aufgabe gar nicht mehr nachkäme, nämlich Unternehmen Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Zudem biete der Hochfrequenzhandel mehr Raum für Betrügereien.

Müller zufolge hat auch das Hochfrequenzhandel-Gesetz in Deutschland nicht geholfen. „Es wird munter weiter gezockt, was dazu führt, dass immer mehr Unternehmen sich mehr oder weniger von der Börse als Finanzierungsplattform verabschieden und sich anderweitig finanzieren, ob mit Anleihen oder Crowdfunding. Was war die Börse früher anderes als das, was wir heute mit Crowdfunding bezeichnen?“ Jemand, der langfristig investieren wolle, ob als Privatanleger oder als Versicherungsgesellschaft, werde durch die laufende Bewegung des Aktienwerts abgeschreckt.

„Haben früher Versicherungen an Investitionen 20 Prozent Aktien gehalten, halten sie heute nur noch drei wegen der Solvabilitätsvorschriften - weil eben der Hochfrequenzhandel so viel Bewegung in den Aktienkurs bringt und Aktien schon als zu unsichere Anlage gelten.“

Dadurch, dass durch den Hochfrequenzhandel so viel Bewegung im Markt ist, spiegelt der Markt gar nicht mehr den Preis der Ware, das zeigt eine im März vorgestellten Umfrage unter professionellen Investoren in Deutschland: Fast 70 Prozent der Befragten, vor allem Fondsmanager, sind der Meinung, dass die aktuelle deutsche Regulierung des Hochfrequenzhandels - bislang die einzige überhaupt, die es in der Form gibt - verschärft werden müsse. Warum soll Siemens in der einen Sekunde einen anderen Preis haben als in der vorherigen, wenn nicht wirklich Grundlegendes mit dem Unternehmen geschehen ist, so die Meinung.

Kosten-Nutzen-Analyse nötig

Rajnish Mehra, Professor für Finanzwissenschaften an der Uni Luxemburg, betont indes, dass Hochfrequenzhandel dafür sorge, damit genügend Liquidität da wäre, was eine sinnvolle Aufgabe sei. Kosten und Nutzen des Hochfrequenzhandels müssten gegeneinander abgewogen werden. „Die Vorteile wie eine dadurch vergrößerte Liquidität sind aber leichter zu messen als die Kosten“, erklärt der Finanzwissenschaftler. Sehe man sich die sich damit beschäftigende Literatur an, stelle man fest, dass Hochfrequenzhandel auf ruhigen Märkten relativ sinnvoll sei. „Er verbessert die Liquidität auf dem Markt großer Aktiengesellschaften, aber tut nur wenig für die Liquidität auf dem Markt kleiner Gesellschaften.“

Auf unruhigen Märkten werde der Hochfrequenzhandel für die vergrößerte Preisschwankungen verantwortlich gemacht, aber da eine wirkliche Kausalität herzustellen, sei nicht leicht. Während Fälle wie Ermittlungen britischer Aufsichtsbehörden gegen Swift Trade wegen Marktmanipulation großes Medienecho fänden, machten solche Vorfälle aber doch wohl nur einen geringen Teil des gesamten Volumens am Hochfrequenzhandel aus, meint Mehra. Müller sieht das anders. Ihm zufolge hat der Hochfrequenzhandel keinen Nutzen für die Realwirtschaft, aber viele Gefahren. Er plädiert darum für ein Verbot.