LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Die Revolution des digitalen Seins

Das unendliche Feld des Internets, wir lieben es, wir hassen es. Diese Unbegrenztheit öffnet zahlreiche Türen, die sich mitunter allerdings nur schwer wieder schließen lassen. Webseiten und Informationen werden am laufenden Band in die digitale Welt geschossen, es wird Raum für Anonymität und „Fake News“ geschaffen; die Überprüfung des Unendlichen, schwer, sehr schwer. Alles hängt halt irgendwo im Netz. Die rasante Schnelligkeit der Verbreitung ist natürlich mehr als zweischneidig. Offenkundig ist der Daten- und Informationsaustausch des „21st century“ dienlich und fortschrittsfördernd, doch in ähnlichem Maße fördert dies auch Datenmissbrauch, Trug und Kriminalität. Das sogenannte Darknet und ähnliche Ecken im „World Wide Web“ tragen zu Transparenz und Sicherheit ungefähr so viel bei, wie der momentane Potus zum Weltfrieden.

Wie wäre es nun, wenn erhebliche Datenmengen in geordneten Bahnen online existieren würden? Stellen Sie sich vor, jegliche Information wäre vor ihrer Veröffentlichung überprüft und bestätigt worden. Ganz so, als ob es eine sehr tüchtige und performante Instanz gäbe, die diese neue Daten erst einmal unter die Lupe nähme, bevor sie der weiten Welt zugänglich gemacht würden. Sie rümpfen ungläubig die Nase? Nun, die Blockchain macht’s möglich. Stellen Sie sich ein fälschungssicheres, transparentes öffentliches Buchhaltungssystem vor, das ohne Einmischung eines Dritten funktioniert. Mit dieser Struktur kann nahezu jegliche Transaktion virtuell kontrolliert und registriert werden, ohne auf einen zentralen Buchhalter in Person angewiesen zu sein. Der Datenblock wird in einem Netzwerk von tausenden Computern gespeichert, und kann von jedem zu jeder Zeit eingesehen werden. Dies zu hacken stellt eine übergroße Hürde dar.

Zunächst werden die Informationen digitalisiert und kryptografisch verschlüsselt, diese encodierten Datenbündel sind die sogenannten Blocks. Zuständig dafür sind die Nodes, die Datensätze mit einem Zeitstempel registrieren, verifizieren, und zu einem Bündel zusammenzufügen. Diese Nodes sind Computer, die mit dem Blockchain Netzwerk verbunden sind, über die erforderlichen Programme verfügen, und über eine Kopie aller bislang verifizierter Datenblöcke verfügen, die zur Verifizierung des neuen Datensatzes notwendig sind. Ist der Block mit einem authentischen Datum und einem eigenen Code ausgestattet - dem „Hash“ -, wird er von den Nodes mit der nächsten Upload-Frequenz an das Ende einer sequentiellen Kette gehängt. Diese Kette, die „Chain“, aktualisiert sich in regelmäßigen Zeitabständen, sodass man beim Einsehen der Database immer sicher sein kann, auf dem neusten Stand zu sein und nur Informationen einzusehen, die durch eine Kette von vorhergehenden, authentifizierten Gliedern bestätigt wurden - und somit tatsächlich als fälschungssicher gilt.

Die Blockchain, deren erste Grundlagen bereits 1991 in der theoretischen Informatik Gegenstand von Forschungsdebatten waren, wurde 2008 mit dem von Satoshi Nakamoto in seinem „Bitcoin Whitepaper“ als dessen technische Grundlage beschrieben. Sie wurde mit dieser Cryptowährung berühmt, da sie hierzu ein trugsicheres und innovatives Buchhaltungssystem stellt. Allerdings lässt sich mit der Blockchain weitaus mehr registrieren und kontrollieren als bloß Finanztransaktionen. Auch die Geschäftsfelder der Banken, Versicherungen und Logistik, Kommunikation und Medien sowie Robotik und Automatisation können von dem System profitieren. Was dies zudem bezüglich der neuen digitalen Demokratie und deren Wahlsysteme ermöglichen könnte, lässt mehr als nur hoffen.

Alles in allem bietet die Blockchain eine neue Möglichkeit des Wirklichen. Sie gibt eine Grundstruktur, die in einem kontrastiven Verhältnis zum bisherigen Wirrwarr des vernetzten Online-Seins, der unüberschaubaren Ver-Mehrung der digitalen Inhalte und der gleichzeitigen Ver-Leerung deren intrinsischer Werte steht. Mit ihr wird eine lineare, chronologische und vor allem transparente Ordnung gegeben, die sich als ein großes Ganzes manifestiert, und auch als solches von jedem wahrgenommen werden kann. Es kann immer nur eine Transaktion einmal registriert werden. Die Erklärung, wie etwas digital entstehen und existieren kann, ist in ihrer Grundstruktur enthalten. Philosophisch gesehen reden wir mittlerweile von einer ‚Ontologie der Blockchain‘, einer Lehre dessen, was durch sie existiert.

Das Universalgenie Gottfried W. Leibniz (1646-1716) versuchte sich an einer Theorie, die uns ein komplexes System des Weltbaus offenbaren sollte. Hierin stellt jedes Individuum eine eigene Einheit im Weltganzen dar, eine ‚Monade‘, wie Leibniz dies nennt. Als Monaden bestehen wir einzeln und unabhängig, hermetisch in uns geschlossen, ohne Anfang und ohne Ende. Gleichsam sind wir jedoch alle Teil einer höheren Einheit, und es ist allein diese Verbindung, die uns alle miteinander verknüpft. Die höhere Einheit wird von einem göttlichen und uns nicht zugänglichem Zusammenhang garantiert, in dem eine durchgängige und vollkommene Harmonie besteht, in welcher alle Einzelteile genau so angeordnet sind, wie sie sein müssen, um im Gleichgewicht zu stehen.

Die Behauptung ist zu gewagt, die Leibniz als Urvater des Blockchaingedankens darstellen würde - zudem war für ihn ja klar, dass die zugrundeliegende Ordnung für uns Menschen nicht einsehbar sein kann. Aber dass jedes Einzelne an und für sich Teil des Ganzen ist, eine inhärente Verbindung aufzeigt, und die gesamte Ordnung somit auch in sich selbst trägt, diese Form des Seins und der Seinsstruktur wird mit der Blockchain nachvollziehbar, möglich und virtuell wirklich gemacht.