LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Antoinette de Jong und Robert Knoth über ihre Arbeit „Poppy-Trails of Afghan Heroin“

Das Internet ist eine Fundgrube für Künstler. Dabei dient das Netz nicht nur als Quelle der Inspiration, sondern beliefert Kunstschaffende mit konkretem Material, das sogar honorarfrei verwertet wird. Antoinette de Jong und Robert Knoth zeigen bis zum 2. Juni ihr Werk „Poppy-Trails of Afghan Heroin“ über die Produktion und den Handel von Heroin im Rahmen des internationalen Monats der Fotografie im Mudam. Wobei bei der visuellen Tour de Force zunächst klar definiert werden soll, um was es sich handelt. Eine Kunstinstallation , vielleicht ein Film? Oder gar um ein künstlerisches Experiment, das in keine Schublade passt? „Das letzte“, entfährt es Robert Knoth wie aus der Pistole geschossen im „Journal“-Gespräch. Bewegte Bilder und Fotos zu kombinieren, erweise sich oft als kompliziertes Unterfangen, so Knoth.

Der Terminus „Multimedia“ schwebt heute über viele Diskussionen, in denen fieberhaft nach einer Definition des Begriffes gesucht wird. Zahlreiche zeitgenössische Video-Kunstwerke sind mit Fotos gespickt, Diashows werden um kurze Filmsequenzen ergänzt. Wenige Künstler - De Jong und Knoth zählen zweifelsohne dazu - geben sich dem Experimentieren hin und versuchen neue Ausdrucksformen zu schaffen, indem sie Fotos und bewegte Bilder zu einem harmonischen Ganzen zusammenfließen lassen. Das Endergebnis ist eine 30-minütige Installation, deren Bilder parallel auf vier Leinwänden gezeigt werden. „Für das Montieren der Bilder ließen wir uns von verschiedenen Kinofilmen inspirieren. Wir wollen beim Betrachter das Gefühl wecken, sich gleichzeitig an mehreren Orten aufzuhalten, ihn in Parallelwelten eintauchen lassen“, erzählt Antoinette de Jong. Als Inspiration diente u.a. die US-amerikanische Fernsehserie „The Wire“, die das Drogenproblem in Baltimore behandelt. „Wir haben versucht, die Heroin-Problematik in ihrem gesamten Umfang zu erfassen, gleichzeitig jedoch auch Einzelschicksale berücksichtigt“, ergänzt Robert Knoth.

Rohe Amateurbilder

Die beiden niederländischen Krisenreporter und -fotografen greifen, neben ihrem eigenen Bildmaterial, auf fremde Bilder zurück, auf die sie im Internet gestoßen sind. Es ist genau diese ausgewogene Balance zwischen fremdem und eigenem Material, die ihrer Arbeit einen gewissen Stempel aufdrückt. „Vor 20 Jahren hätten wir das Projekt nicht realisieren können, da uns das Open-Source- Material nicht zur Verfügung stand“, erklärt Antoinette de Jong. Die beiden Niederländer haben die Bilder im Rohzustand in die „Poppy“-Installation eingebaut und auf jegliche Überarbeitung der Bilder verzichtet, um die Authentizität des Materials zu wahren.

„Für uns macht es keinen Sinn mehr an irgendwelche Krisenorte zu reisen, um Bilder zu machen. Jenes Bildmaterial, das wir von den Fotografen vor Ort bekommen, ist an Intensität nicht zu übertreffen. Wieso sollen wir versuchen, diese Arbeiten zu kopieren?“, erläutert Robert Knoth die Entscheidung, fremdes Material zu verwerten. „Du findest zum Beispiel Videos von albanischen Kriminellen, die sich bei ihren Gewalttaten selbst gefilmt haben“, so Knoth. Oder Videomaterial eines Autofahrers, der in Karatschi einen Drogenabhängigen filmt, der über den Bürgersteig torkelt. Eine poetische Sequenz, auf die beide Künstler oft mehrere Monate warten müssen, um sie vor die Linse zu bekommen. Es solches Bild, so Knoth, werfe selbstverständlich auch Fragen auf. „Menschen filmen heute jeden Aspekt ihres täglichen Lebens. Hier stellt sich jedoch die Frage, wieso dieser Autofahrer diesen Junkie gefilmt hat“, so Knoth.

Therapeutische Dimension

Für die eigenen Bilder verweilten die beiden Künstler oft mehrere Wochen an einem Ort, um eine Beziehung zu den Interviewpartnern aufzubauen. „Dies ist in Krisengebiet kein kompliziertes Unterfangen. Wichtig ist, dass du mit einem guten Dolmetscher zusammenarbeitest, der nicht nur die Sprachen beherrscht, sondern dich auch in die Gesellschaft einführt“, kommentiert Antoinette de Jong ihre Vorgehensweise. Viele Interviewpartner profitieren von der Anwesenheit der beiden Künstler, um ihre Ansichten und Geschichten mit dem Künstlerpaar zu teilen. Ein Interview, so de Jong, erhalte somit eine therapeutische Dimension.

Es handele sich bei „Poppy“ , so Knoth, auch über eine Installation über das menschliche Benehmen. „Ich versuche während meiner ganzen Karriere zu verdeutlichen, dass sich die Menschen in Kirgistan oder Afghanistan sich nicht wesentlich von uns unterscheiden“, so Antoinette de Jong.