PATRICK WELTER

Trotz Twitter, Instagram und anderer neuer Medien wissen wir nicht, was in Aleppo los ist. Haben die Rebellen aufgegeben, können sie frei abziehen oder begehren die syrischen Regierungstruppen gegen ihre russischen Berater auf, weil sie sich um eine kleine Racheorgie betrogen sehen. Aktuell wissen nur Militärgeheimdienste, wer gerade auf wen schießt. Es kann mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Ist der Krieg dann aber wenigstens vorbei?

Dass der syrische Bürgerkrieg mit dem Fall von Aleppo zu Ende geht, wenn auch mit dem Sieg der falschen Seite, ist eine trügerische Hoffnung. Das mehrdimensionale Schachbrett Syrien bleibt unübersichtlich. Die Bauern fallen reihenweise, während sich immer mehr Damen und Könige auf dem Spielfeld tummeln. Außerdem erscheinen bereits Totgesagte wie ein Kastenteufel auf dem Schlachtfeld. Der IS, angeblich geschlagen, steht plötzlich wieder in Palmyra. Eine Wende oder nur ein letztes Aufbäumen à la Ardennenoffensive?

Hier nochmal der Versuch die handelnden Parteien ihre verwirrenden Allianzen aufzulisten. Augenblicklich sind die syrischen Truppen unterstützt von Russland und der Hisbollah auf der Siegesstraße - allerdings reichen die Kräfte nicht aus, gleichzeitig Aleppo zu erobern und Palmyra zu verteidigen. Unsichtbarer Partner des syrisch-russischen Bündnisses ist Israel, das das Assad-Regime so lange machen lässt, solange ihm dieses die Hisbollah vom Leib hält. Russische Kampfflugzeuge die sich in den israelischen Luftraum verirren, werden freundlich zurückgeleitet. Die weltlich-demokratischen Rebellen, obwohl vom Westen mit Wohlwollen unterstützt, sind geschlagen oder tot. Die islamistische Al-Nusra-Front - ex-Al-Kaida Partner - macht ihr eigenes Ding gegen alle anderen. Auch gegen den IS. Diese islamistischen Kopfabschneider schienen unschlagbar, in Syrien und im Irak. Erst kurdische Einheiten, die von den USA unterstützt und von Deutschland ausgebildet und bewaffnet wurden, konnten ihren Siegeszug stoppen. Die Türkei, obwohl Nato-Verbündeter der USA, drückte lange gegenüber dem IS alle Augen zu und störte dessen Versorgungslinien nicht. Da Ankara aber seinen Nato-Verpflichtungen nachkam und der US-Airforce und der deutschen Luftwaffe Stützpunkte zur Verfügung stellte, ist diese informelle Freundschaft auch beendet. Weitere Komplikation: Die engsten Alliierten der USA vor Ort, die kurdischen Milizen, werden von den Türken als Terroristen eingestuft und bekämpft. Außerdem ist die Regierung Erdogan dazu entschlossen die „ungerechten“ Grenzen der Türkei zu korrigieren. Im Klartext: Der Neo-Sultan will sich altosmanische Gebiete aus dem syrischen Kadaver sichern. Das Assad-Regime ist Erdogan egal, was ihm nicht egal ist, ist die Entstehung eines Kurdenstaates.

Auf den Rängen dieser „Ultimate-Fight“-Arena sitzen der winzige Libanon und das kleine Jordanien als unfreiwillige Sanitäter - beide haben Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen und tragen stoisch ihre Last. Angesichts dessen kann sich das ängstlich-verzagte Europa nur schämen. Wenn es schon nicht in der Lage ist militärisch oder mit echten Sanktionen gegen Assad vorzugehen, sollte es wenigstens vollen humanitären Einsatz im Libanon und in Jordanien leisten.