LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Der Musiker und Aktivist Bob Geldof plädierte auf der SGG-Konferenz für Investitionen

Ein Geldof kommt nicht einfach so nur für Geld. Da muss ihm der Anlass schon interessant genug erscheinen. Das war der Fall. Und so hieß der Stargastredner auf der gestrigen Konferenz „SGG Crossroads“ (mehr dazu S. 25) Bob Geldof. Der Musiker und Aktivist hat sich vor allem als Veranstalter der Live-Aid-Konzerte für Hungernde in Afrika einen Namen gemacht. Der 66-Jährige fesselte das Publikum mit sehr persönlichen Einblicken in sein Leben und seine Überzeugungen. Im wesentlichen ging es ihm um die Botschaft, dass die Finanzwelt massiv Einfluss üben kann, indem sie in Afrika investiert. Das könne dann auch die Flüchtlingskrise beeinflussen, denn keiner würde seine Heimat verlassen, wenn es ihm dort gut ginge, findet der Ire, der selbst damals nach England zog, um seinen Lebensunterhalt dort zu verdienen. Wir haben den rund einstündigen Vortrag hier zusammengefasst.

„Jetzt kommen die Hungernden über das Mittelmeer zu uns“

„Bis vor kurzem galt eine prosperierende Welt als eine sichere Welt. Wir haben 70 Jahre Wachstum gesehen. Aber gleichzeitig wurde Vertrauen aufgezehrt und Wut gespeist. Mit Trump werden die Armen ärmer, die Reichen reicher und China mächtiger. Jetzt ist der Hunger nicht mehr in Äthiopien, jetzt kommen die Hungernden über das Mittelmeer zu uns. Ganz neu ist das nicht.

Vor 15 Jahren war ich auf Lampedusa und der damalige Bürgermeister sagte mir, jeden Tag würden tote Frauen und Kinder angeschwemmt. Er hatte ein Lager mit 1.200 Flüchtlingen. Diese Menschen sind der wirtschaftliche Kollateralschaden unseres Wachstums. Vieles davon kann ich verstehen, weil ich es selbst erlebt habe.

Ich bin im Irland der 50er Jahre geboren. Meine Mutter starb als ich sieben oder acht war, mein Vater war Handtuchvertreter und von montags bis freitags unterwegs. Es war keiner da, auch kein Geld. Niemand, der Hausaufgaben beaufsichtigte. Ich bin der erste Geldof, der die Prüfungen nicht geschafft hat. Es war einsam und nachts habe ich als Jugendlicher Radio Luxemburg gehört. Das war der einzige Radiosender, der Rock´n´Roll spielte. Diese Musiker hatten für mich das Potenzial für Veränderungen. So las ich die gleichen Bücher wie die Musiker. Weil Dylan über Südafrika las, tat ich das auch. In Irland gab es damals keine Schwarzen, ich hatte noch nie einen gesehen. Aber Armut verstand ich. Armut ist nie romantisch, immer scheiße.

In dem Dublin, in dem ich groß geworden bin, war Steinbeck lebendig. Bis vor 18 Jahren gab es in Irland keine Scheidung. So hingen manche Männer bis zur nächsten Schicht auf der Straße und tranken, magere Prostituierte wurden von ihren Freiern vor meinen Augen mit Baseballschlägern verprügelt, ohne dass ich etwas tun konnte. Wir sammelten Gemüse bei Ladenschluss und morgens um sechs Brot beim Bäcker. Wir machten Feuer auf der Straße, kochten Suppe und alle kamen. Ich suchte Jobs und es gab keine. Morgens um 9.00 stand ich im irischen Novemberregen vor dem Arbeitslosenamt. Da hat die EU Irland schon sehr verändert.

Die Sex Pistols sangen „There´s no future in Englands dreaming“ und es gab einen Grund, warum sie so hießen, oder die „Clash“. Drei Jahre später kam Thatcher, ein wahrer Johnny Rotten. Wir hatten als Musiker dann Erfolg, volle Stadien, Mädchen, Drogen. Eines Tages ging ich nach Hause, meine erste Tochter war noch ein Baby. Im Fernsehen lief ein Bericht über Hunger in Äthiopien, ganze zehn Minuten. Mir war schlecht, ich war angewidert. Das ist noch heute so. Wir zahlen Steuern, damit in der EU Lebensmittel teuer angebaut - und dann zerstört werden. Und dort starben Menschen. Wirtschaftliches Analphabetentum und moralisch widerwärtig ist das. Am nächsten Tag habe ich in einer TV-Sendung über Äthiopien gesprochen und dann alle Musiker zusammengetrommelt. Wir sind Musiker, wir können ein Lied machen. Banker oder Schlosser können etwas anderes tun.

Es lief, innerhalb weniger Wochen hatten wir über acht Millionen Pfund zusammen. Ich wurde von der Presse gedrängt, nach Afrika zu gehen, obwohl ich das nicht wollte. Aber sonst wäre das Thema gestorben. Wenn einer einem Hungernden Geld gibt, ist das eine menschliche Geste. Bei einer solchen Vielzahl wurde es zu einem politischen Akt. Also ging die Sache weiter, die Politik schaltete sich ein, wir wurden bekannter. Bono rief mich eines Tages an, weil er mit mir über den Tod reden wollte. Ich sagte: Ruhm ist eine Währung. Nutze sie für ein Projekt. Live Aid gibt es immer noch und entgegen allem, was die Leute sagen, funktioniert es. Es verbessert das Leben der Menschen.

„Die EU braucht radikale Reformen“

Für Afrika ist es nicht einfach, auf die Beine zu kommen, weil die Strukturen fehlen. Europa hat das nach dem zweiten Weltkrieg relativ gut geschafft, aber afrikanische Länder haben solche Initiativen nicht. Dafür haben sie Land, Agrarland, und Rohstoffe, die wir alle brauchen. China ist massiv dort tätig mit rund 3.000 Infrastruktur-Projekten. Wir nicht. Gleichzeitig wächst dort die Mittelschicht. Doch wir ignorieren das alles und die Kosten dieser Ignoranz sitzen in Booten auf dem Weg hierher.

Das Leitthema ist die prosperierende Welt. Aber es gibt kein Beispiel, wirklich keines, bei dem Protektionismus nicht zu Krieg geführt hätte. Deshalb braucht die EU jetzt radikale Reformen. Wenn wir unseren Reichtum nicht verteilen, werden wir alle leiden. Mein Großvater stammt aus Belgien und fand nach der Schlacht an der Somme keinen Job. Da ging er erst nach Großbritannien und kochte dann in Irland. Und jetzt stehe ich hier. Ich selbst habe Irland wegen der Arbeit verlassen und bin nach England gegangen. Eine gute Gesellschaft und eine gute wirtschaftliche Entwicklung gehen zusammen. Anders kann es nicht funktionieren. Sie hier, die Finanzindustrie, sind alle sind mitverantwortlich für 2008 und die Folgen. Jetzt wirft Trump Bälle in die Luft - und die treffen die Ärmsten am meisten. Wenn Sie nicht wollen, dass Afrikaner nach Europa kommen, so wie ich nach England gekommen bin, dann muss die Wirtschaft dort funktionieren. Ich habe mit „8miles“ eine Private Equity Firma, die in Afrika investiert. Und wohl im Februar kommenden Jahres werden wir einen neuen Fonds auflegen mit rund 200 Millionen Euro. Warum ich dorthin gehe? Das hat mit Verantwortung zu tun. Wenn die Menschen dort keine Zukunft haben, werden sie auch weiter herkommen. Ich schlage Ihnen deshalb vor: Gehen Sie jetzt dorthin. Verpflichten Sie sich selbst, schauen Sie, was geht, machen Sie etwas und lassen Sie sich darauf ein.“