ORSCHOLZ/BESSERINGEN
PATRICK WELTER

Der Westwall 75 Jahre danach - Museen, Wanderwege, Naturschutzprojekte

Es ist ausgesprochen schön hier. Die letzten bunten Blätter an den Bäumen werden von der Herbstsonne beschienen, auf einem nahegelegenen Weiher schwimmen ein paar Enten und wenn man aus dem Wald heraustritt, fällt der Blick auf weitläufige Pferdekoppeln. Idylle pur.

Wären da nicht die merkwürdigen Betonkegel, die sich in Reih und Glied durch einen jungen Wald und dann über freies Feld ziehen. Unter den Bäumen haben die rautenförmigen Betonzähne, die größten dürften etwas anderthalb Meter hoch sein, kräftig Moos angesetzt und ziehen sich in Fünferreihen kilometerweit durchs Gelände.

Schließen wir für einen Moment die Augen und versuchen uns vorzustellen, was hier ab dem November 1944 geschah: Maschinengewehrfeuer, wummernde Artillerie und rasselnde Panzerketten. Fast drei Monate lang ging das so.

Die Höckerlinie, so heißt dieses Betongebilde, gehörte zum „Orscholz-Riegel“, der mit 75 Bunkern und zehn Kilometern Panzersperren westlich der Saar lag und damit noch vor dem Westwall, der das „Reich“ gegen Eindringlinge schützen sollte. Erst im Februar 1945 gelang den US-Truppen der Durchbruch. Der Kampf, der hier tobte, ist weniger bekannt als das Drama der Ardennenoffensive oder das zehntausendfache Sterben im Hürtgenwald.

Heute verläuft hier zwischen Oberleuken und Orscholz, rund 15 Kilometer westlich von Remich, ein gut besuchter touristischer Wanderweg mit dem programmatischen Namen „Höckerlinien-Weg“. Damit gehört er zu einer ganzen Reihe von Wander- und Themenwegen, die sich am „Westwall“ orientieren.

18.000 Einzelbauten

Der Westwall ist ein typisches Nazi-Monument: Riesig dimensioniert - von der niederländischen Grenze bis nach Basel - und menschenverachtend in mehrfacher Hinsicht. Sowohl, was seine Größe, eine Gesamtlänge von rund 640 Kilometern mit 18.000 Einzelbauten, als auch die Umstände des Baus betrifft - das KZ-Hinzert wurde ursprünglich als Straflager für Westwall-Arbeiter errichtet.

Vor allem war der Westwall ein propagandistischer Erfolg, nach dem Motto: Mehr Schein als Sein. Zwar stellte der Westwall 1944/1945 letztendlich für die Westalliierten kein großes Hindernis dar - die Wälder der Eifel waren da schlimmer. Aber seinen Zweck hatte der Westwall fünf Jahre zuvor mehr als erfüllt: Er ließ Frankreich 1939 vor einem Entlastungsangriff auf die nahezu unbesetzte deutsche Westgrenze zurückschrecken. So konnte die Wehrmacht in wenigen Wochen den französischen Bündnispartner Polen besiegen. Frankreich war der deutschen Propaganda aufgesessen.

Beton statt Hightech

Die von Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg errichtete „Maginot-Linie“ war Hightech vom Feinsten, mit unterirdischen Kraftwerken, hydraulischen Geschütztürmen und einer komplexen Infrastruktur und tausenden Festungssoldaten. Aus französischer Sicht war klar, dass die ingeniösen Deutschen einen ähnlichen Aufwand betreiben würden.

Falsch gedacht, die „Organisation Todt“, das Staatsbauunternehmen, dass später auch den Atlantikwall bauen sollte, hielt es mit dem Motto: „So einfach wie möglich“. Im Großen und Ganzen wurde in Beton und in normierte Bauten investiert, die kleineren Bunkeranlagen waren „nur“ Unterstände für die Infanterie, die ihre eigenen Waffen mitbrachte. Fest installierte schwerer Artillerie war eine Seltenheit. Die Höckerlinien sollten Panzer aufhalten. Stromversorgung, Panzerkuppeln und ausgefeilte Technik gab es nur für Großanlagen, die „B-Werke“, von denen es aber auf 640 Kilometern nur 32 Stück gab.

Während des „Drôle de Guerre“ 1939/1940 gab es überall nur eine Minimalbesatzung, die sich kaum hätte wehren können. Dank der deutschen Propaganda vom unüberwindbaren Westwall aber taten die Franzosen - nichts. Was sich bitter rächen sollte.

Was tun?

80 Jahre nach Kriegsbeginn und 75 Jahre nach dem Vordringen der Westalliierten ist der Westwall vor allem eines - eine riesige Ruine. Aber genauso wie die Bunker des Atlantikwalls, die von Skagen bis Biarritz vor sich hin rotten, ist auch der Westwall in Teilen immer noch da. Zwar bemühte man sich lange alle Bunker zu sprengen, zuzuschütten oder gar abzutragen, doch die schiere Masse steht dem entgegen. Wobei im Saarland besonders viele Teile des Westwalls erhalten sind, da Frankreich dort nach dem Krieg auf Sprengungen verzichtete.

Der grüne Wall

Nachdem es vielerorts jahrelang hieß: „Nur weg damit“ gibt es heute einen anderen Umgang mit diesen Nazi-Hinterlassenschaften. Der Westwall ist auf dem besten Weg ein „grüner Wall“ zu werden.

Auf der Webseite des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums heißt es dazu: „Die verbliebenen Ruinen haben sich zu naturnahen Lebensräumen entwickelt, die auch aufgrund ihrer bandartigen Anordnung aus Sicht des Naturschutzes von besonderem Wert als Rückzugsgebiet gefährdeter Arten und für ein Biotopverbundsystem sind. Gleichzeitig sind die Ruinen als Denkmal geschützt. Die Erinnerungslandschaft ehemaliger Westwall veranschaulicht die NS-Ideologie, ihre gesamtgesellschaftlichen Wirkungen bis hin zum Zweiten Weltkrieg und zur Vernichtung von Menschen in Konzentrationslagern.“

Es gibt etliche Wanderwege, wie der Höckerlinienweg, die zwischen der Eifel und der Südpfalz den grünen Westwall thematisieren.

B-Werk Besseringen

Daneben gibt es eine ganze Reihe von kleinen und kleinsten Museen, in denen Bunkern auf private Initiative oder durch Vereine instand gesetzt und unterhalten werden.

Einziges Beispiel für eine Großanlage ist das „B-Werk“ zwischen Merzig und Besseringen. Anstatt die Anlage abzutragen, wurde sie schon 1980 unter Denkmalschutz gestellt. Auf der Westseite, der Feindseite, ist kaum etwas zu sehen. Die flachen Geschützkuppeln fallen kaum auf, die Beobachtungsglocke ist kaum größer als ein Maulwurfshügel.

Der Bunker dient heute als Mahnmal gegen den Krieg. Zwar wurde die gesamte Ausstattung wieder mit Engagement und Akribie zusammengetragen, aber man ist sich schon über den mörderischen Charakter im Klaren.

Bei einem Besuch des „B-Werk“ lernt man als erstes, dass man als Festungsbesatzung nicht unter Klaustrophobie leiden sollte. Für den Bau wurden 2.800 Kubikmeter Beton und 200 Tonnen Stahl verbaut. Das merkt man. Schon der Einstieg durch die nur 1,10 Meter hohen Türen ist eine Übung für sich. 44 Räume verteilen sich auf drei Geschosse, 90 Soldaten sollten es hier unten vier Wochen aushalten können. Allein die Vorstellung den Geschützlärm hier unten ertragen zu müssen ist entsetzlich. Aber auch hier wird deutlich, dass das B-Werk ein Mahnmal ist. Eine Präsentation dokumentiert Verfolgung und Widerstand sowie Verluste der Zivilbevölkerung an der Saar.

Dennoch: Ein Besuch lohnt sich.

Das B-Werk ist von April bis September immer Sonntagnachmittags geöffnet.