MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Wie aus der Bombardier Q 400 die Dash 8 wurde und ein neuer kanadischer Flugzeug-Konzern entstand

Der kanadische Bombardier-Konzern, in verschiedenen Branchen weltweit tätig, befindet sich in Auflösung. Einst waren die Kanadier Spezialisten für Züge und Transportsysteme, Verkabelungen, für Flugzeuge und Straßenbahnen. Doch soll von dem Konzern nicht mehr viel übrig bleiben, wenn alle Branchen verkauft sind.

In den vergangenen 32 Monaten hat der Konzern angekündigt, seine Eisenbahnsparte an den französischen Alstom-Konzern zu einem Preis von 5,8 bis 6,2 Milliarden Euro zu verkaufen. Sein neu entwickeltes Flugzeug „C-Series“ ging an Airbus. Die wirtschaftliche Auszehrung begann für Bombardier im Sommer 2008. Während der Luftfahrtschau in Farnborough verkündeten die Kanadier, dass sie sich an die Konstruktion eines Flugzeuges mit einem Mittelgang in der Art von Boeing und Airbus machen wollten. Der Name: „C-Series“.

Das war gewagt. Bombardier begab sich auf das Feld von Airbus und Boeing. Die nahmen die Konkurrenz über den Preis an und machten Bombardier den Erfolg unmöglich. Das Flugzeug benötigte 6,3 Milliarden Dollar an Investitionen. Mitte 2018 standen im Auftragsbuch 372 Flugzeuge. Mit dem A320 Neo standen hingehen 6.100 Maschinen in den Auftragsbüchern von Airbus. Boeing notierte 4.500 Bestellungen für die 737 MAX, die sich als nach zwei Abstürzen mit 380 Toten als wirtschaftliche Katastrophe für die Amerikaner herausstellen sollte.

Am Ende übernahm Airbus den gesamten Komplex von Bombardier und machte daraus den Airbus A220. Schlimmer noch für den Konkurrenten Boeing: Airbus produziert ihn in Mobile, Alabama, vor der Nase des Konkurrenten. Boeing seinerseits wollte mit Airbus gleichziehen. Die Firma verhandelte mit den Brasilianern um eine Kooperation mit Embraer…und scheiterte.

Nach dem Verkauf der C-Series stehen auf der Verkaufsliste weitere Teile in der Angebotsliste: Den Regionaljet CRJ übernahm der japanische Technologiekonzern Mitsubishi. Die Kabel-Aktivitäten der Kanadier fanden im Konzern Latécoère einen Käufer. Auf gut neun Milliarden kanadische Dollar beläuft sich der Schuldenstand des Unternehmens.

Als es aber darum ging, ein Schmuckstück von Bombardier in die Angebotsliste aufzunehmen, wurden die Kanadier wach. Mit den zweimotorigen Turboprop von Bombardier bestand die Gefahr, dass Kanada wichtiges Know-how und einen wichtigen Flugzeugproduzenten verlieren würde. Sherry Brydson, von Hause aus Politologin und Journalistin, ist mit einem von Bloomberg geschätzten Vermögen von 5,5 Milliarden Dollar eine der reichsten Frauen Kanadas. Sie ist Enkelin von Kanadas Tycoon Roy Thomson. Über das Erbe ihrer Mutter ist sie am Medienkonzern Thomson Reuters beteiligt und besitzt Radio-Stationen. Ihre persönliche Vermögensverwaltungsgesellschaft steuert auch die Investmentgesellschaft Longview Aviation Capital, die bei Bombardier zugriff und die „Q400“ in das Unternehmen Viking Air integrierte. Diese Gesellschaft weist nun mit Wasserflugzeugen und den Feuerlöschflugzeugen Canadair von Bombardier eine komplette Palette von Spezialflugzeugen auf.

Longview erklärte im vergangenen Jahr, einen alten Namen wiederentdeckt und als kanadische Gesellschaft neu gegründet zu haben: „Havilland Aircraft Company of Canada“. Diese Gesellschaft würde nun die Q400 übernehmen und sie unter dem neuen Namen „Bombardier Dash 8 Linie“ produzieren. Da Bombardier aber die Produktionsstätte in Ontario verkauft hat, muss Longview nun einen neuen Produktionsort für die „Dash 8“ in Ontario finden, wo 1.000 Mitarbeiter beschäftigt werden sollen.

Einen Strich durch die Rechnung macht nun der Corona-Virus. „Wir stellen zeitweise die Produktion neuer Flugzeuge ein“, teilte das Unternehmen mit. Betroffen davon sind zunächst 180 Mitarbeiter bei der Herstellung des Flugzeuges Twin Otter und 800 bei der Dash 8. Hier wird die Fabrikation der Dash 8-400 zunächst eingestellt. Der Flottenservice und auch die Wartung der Maschinen bleiben davon unberührt, heißt es weiter in der Mitteilung. Was bleibt noch von Bombardier? Das Unternehmen ist nach dem US-Fabrikanten Gulfstream der zweitwichtigste Hersteller von Privatflugzeugen. Aber auch da gibt es bereits einen Interessenten, meldet das „Wall Street Journal“. Die US-Gruppe Textron würde sich den Bereich gerne einverleiben.