PATRICK WELTER

Gestern war der von der UN-Vollversammlung eingeführte „Internationale Tag des Gedenkens und Tributs an die Opfer des Terrorismus.“

Heute definieren wir Terrorismus vor allem als islamistische Gefahr, dabei hat er schon ganz anders ausgesehen. Als Bild von verdrehten Bürgerkindern, die die Arbeiterklasse per Bombe und AK-47 zum Aufstand gegen das „Schweinesystem“ bringen wollten. Sie nannten sich RAF oder Rote Brigaden und erklärten den Mord zur politischen Aussage. In Bologna zeigte er 1980 die Fratze des Faschismus und jagte den Bahnhof in die Luft - ein Fanal, das verpuffte.

Oft ist es so, dass des einen Terrorist des anderen Freiheitskämpfer ist. Beispiel gefällig? Da ist Gavrilo Princip, der mit seinen Schüssen auf den österreichischen Thronfolger die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, auslöste. Die Frage, ob Terrorist oder Freiheitskämpfer, hängt vom Blickpunkt und Pass des Befragten ab. Hier politischer Mörder, der auch noch den Falschen umbrachte, dort Freiheitsheld, der half, den Westbalkan von den Österreichern zu befreien.

Zwei andere Terroristen haben es weit gebracht: Menachem Begin und Jassir Arafat. Zwei steckbrieflich gesuchte Terroristen, die es nach Jahrzehnten von den Bomben und Pistolen bis zu den Nobelpreisen gebracht haben - Begin 1978 und Arafat 1994.

Lateinamerikanische Rebellen, die IRA oder die ETA haben analog zu den vorgenannten entweder irgendwann die Kurve gekriegt und sind zu politischen Parteien geworden oder sie sind in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Die Taliban wurden von westlich gepäppelten Freiheitskämpfern gegen die Sowjetunion zu gottesfürchtigen Schlächtern, die jeden Fremden in Afghanistan als Eindringling betrachten. Hätte man das Land nicht sich selbst überlassen, hätten die Radikalen keine Chance gehabt.

Die Gottesfurcht hat dem Terrorismus ausgerechnet im 21. Jahrhundert den letzten Rest an Rationalität genommen. Mord und Grausamkeit zur höheren Ehre eines eingebildeten Freundes. Lachhaft, wenn es nicht traurig wäre. Die Sache mit der Ehre Gottes hat einen neuen Attentäter hervorgebracht: Den Selbstmordattentäter. Gab es bei früheren Bombenattentaten das logistische Problem, so schnell wie möglich und dazu noch unverletzt vom Ort des Geschehens verschwinden zu können, so hat das Märchen von den 72 Jungfrauen seinen Zweck erfüllt. Der große Krieger befördert sich selbst vom Leben zum Tod, hofft dabei möglichst viele andere zu töten, und freut sich auf Gottes lobende Worte für seine Heldentat. Schön doof.

Ein enger Verwandter ist der Einsame Wolf , der Alptraum aller Ermittler. Er sitzt in seiner Bude und glotzt solange im Internet Kopf-ab-Videos des IS, bis er bewaffnet mit einem Küchenmesser loszieht und im Namen Gottes die alte Damen einen Stock tiefer massakriert.

Aber eines sollten wir bei aller Hysterie nicht vergessen: Bis heute haben klapprige Haushaltsleitern, schlecht isolierte Lichtschalter, glatte Kellertreppen und akrobatisches Fensterputzen im dritten Stock mehr Leute vom Leben zum Tode befördert als alle Terroristen der Welt zusammen.