LUXEMBURG
MARCO MENG

Unternehmensanleihen statt Kredite werden immer attraktiver

Vor zwei Tagen hat die Cargolux eine neue Boeing in Empfang genommen, finanziert mittels Unternehmensanleihen (Bonds) mit einem Zinssatz zwischen 1,86 und 1,74 Prozent. Der Energieversorger Enovos hatte letzten Juni Anleihen im Volumen von 200 Millionen Euro zu 3,44 Prozent Verzinsung herausgegeben. Auch die SES finanziert sich seit längerem unter anderem durch Herausgabe von Bonds, die über eine bestimmte Laufzeit dem Investor regelmäßig eine Zinszahlung gewähren, bis bei Laufzeitende die geliehene Summe zurückgezahlt wird.

Edmond de Rothschild Asset Management Benelux organisierte gestern in Luxemburg einen Runden Tisch zu diesem Thema. Der Anleihe-Experte Raphaël Chemla stand uns Rede und Antwort.

Das Thema der Tagung stand unter dem Motto: „Werden Anleihen Banken ersetzen?“. Darum meine Frage: werden sie?

Raphaël Chemla (lacht). Nein, das wird nicht so sein. Aber Anleihen werden ganz klar immer wichtiger. Die Sache ist die, dass man verstehen muss, was seit Beginn der Krise 2007 mit den Banken geschehen ist. Was ist ihre Aufgabe, was sind die Regeln, nach denen sie arbeiten. Banken brauchen heute mehr Kapital und können weniger Geld an Darlehen vergeben wie früher. Das führt dazu, dass Unternehmen Anleihen ausgeben, um sich dadurch zu finanzieren. Ich möchte es als Trend zur „Disintermediation“ bezeichnen.

Die Rolle der Banken ändert sich also?

Chemla Sie ändert sich. Sie haben zwar natürlich auch noch das gleiche Geschäft wie früher, aber der Weg, wie
sie Geld auf den Markt bringen, ändert sich, und durch die bankaufsichtsrechtlichen Veränderungen gehen die Unternehmen dazu über, ihre Finanzierung zu diversifizieren. Der Weg, wie sich Unternehmen Kapital besorgen, ändert sich also und geht dazu über, dies mittels Anleihen zu tun.

Das heißt, Banken werden nicht aufhören, Darlehen an Unternehmen zu vergeben, und Bonds sind ein zusätzliches Mittel der Kreditvergabe?

Chemla So kann man sagen. Unternehmen nutzen vermehrt unterschiedliche Möglichkeiten, sich zu finanzieren, zum einen werden sie nach wie vor von ihrer Bank Kredit erhalten, zum anderen wird die Bank ihnen aber auch dabei helfen, Anleihen herauszugeben. Der Vorteil für die Unternehmen ist, nicht vollkommen von einer oder einigen Banken abhängig zu sein, ihre Finanzquelle wird diversifiziert. Durch die Kredite auf der einen Seite sowie die verschiedenen Laufzeiten der Anleihen, die ein Unternehmen herausgibt, kann es besser planen und bleibt dadurch flexibler.

Für welche Unternehmen ist das interessant?

Chemla Für nahezu alle, egal ob groß oder klein.

Ist es einfacher, Anleihen herauszugeben und Zinsen zu versprechen als einen Bankkredit aufzunehmen?

Chemla Banken leihen vor allem kurzfristig Geld, während die längerfristigen Laufzeiten mehr und mehr durch Anleihe-Finanzierung abgedeckt werden. Die Nachfrage steigt, viele neue Unternehmen kommen auf den Markt, die diesen Weg der Finanzierung nutzen. In den USA laufen heute schon 30 Prozent der Finanzierungen über Anleihen, das ist ein Volumen von 1.200 Milliarden Dollar, während nur 30% der Firmenfinanzierungen dort über Kredite laufen, in Europa ist es noch umgekehrt. Das ändert sich aber, und wir glauben, dass auch hier das Verhältnis bald 50 zu 50 sein wird. Dieses Volumen, so schätzen wir, dürfte bei 400-500 Milliarden Euro liegen.

Wie genau funktioniert eine solche Bonds-Finanzierung?

Chemla Firmen, die Maschinen kaufen wollen, beispielsweise, werden ihre Bank fragen, wie sie das finanzieren können, und da hängt es von verschiedenen Faktoren ab: welche Laufzeit, welche Summe, welche Projekte, wie ist das Unternehmen aufgestellt. Die Investoren in solche Anleihen können also sehr unterschiedlich sein, weil ja auch die Unternehmen, die Anleihen herausgeben, unterschiedliche sind, kleine genauso wie mittlere oder große Unternehmen. Internationale Unternehmen mit langfristigen Projekten können zum Beispiel einen dreijährigen Kredit bei der Bank aufnehmen und die restliche Zeit für ein Projekt, das sechs oder mehr Jahre dauert, via Anleihen finanzieren. Das bringt ihnen größere Flexibilität. Die Disintermediation kommt auch Investoren zugute, da Unternehmen, die sich über den Markt finanzieren wollen, ihre Finanzdaten jetzt transparenter kommunizieren müssen. Immer mehr Investoren wie Family Offices und Versicherungsgesellschaften, die sich zuvor nicht in diesem Segment engagiert haben, zeigen wachsendes Interesse an diesen Unternehmensanleihen.