CORDELIA CHATON

Wer sich die letzten Verlautbarungen der britischen Regierung ansieht, merkt den Wunsch, den Ball flach zu halten. Als der mit dem Coronavirus infizierte britische Premier Boris Johnson am Sonntag in die Klinik ging, war noch von einer Vorsichtsmaßnahme die Rede. Mittlerweile liegt der 55-Jährige auf der Intensivstation und erhält Sauerstoff. „Er wird NICHT künstlich beatmet“, versucht die Regierung zu beruhigen. Was für eine Nachricht. Shocking! Das Königreich wird von seiner Königin getröstet. Hardliner sind hilflos. Schließlich sollte unter Johnson alles gut werden; besonders der Brexit. Johnson ist ein Opfer seiner eigenen Ansichten und seiner Politik. Anfangs hatte er einen Kurs vorgegeben, der vorsah, dass sich die Bevölkerung infiziert und so immun wird. Irgendjemand muss Johnson, der Sprachen und Philosophie studiert hat, dann die Toten vorgerechnet haben. Der ruderte zurück, spät und auf Sparflamme.

Als er selbst infiziert war, traf er weiter Menschen. Das zeigt den Unterschied zur deutschen Kanzlerin Merkel. Die studierte Physikerin verabschiedete sich in Quarantäne, sobald klar war, dass sie infiziert sein könnte. Das zeigt ein ganz anderes Maß an Verantwortungsbewusstsein.

Anders als viele seiner Landsleute muss Johnson sich im Krankenhaus nicht mit dem britischen „National Health Service“ (NHS) herumplagen. Der NHS, der vor Jahrzehnten als internationales Vorbild dafür galt, wie man ein Gesundheitswesen effizient und sozial gerecht organisieren kann, ist zum Synonym rechter Sparpolitik geworden. Er wird fast nur aus Steuermitteln und Sozialbeiträgen finanziert. Und er gilt gemeinsam mit dem maroden Schulsystem als wahrer Grund für den Brexit.

In der „Vote Leave“-Kampagne fuhren Brexiteers mit einem roten Bus durch das Land, auf dem stand: „Wir schicken jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU. Lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren.“ Das kam an. Doch nicht nur die Behauptung mit der Überweisung war eine Lüge, sondern auch das Versprechen der NHS-Finanzierung.

Zuletzt wurde der NHS-Zustand 2018 bei der Grippewelle klar. Da schrieben 68 Leiter von Notaufnahmen einen Brandbrief an Premierministerin Theresa May. Jetzt ist es drastisch. Großbritannien verfügt auf 100.000 Einwohner gerechnet nicht mal über die Hälfte der Betten Frankreichs, von Intensivbetten gar nicht zu sprechen. Als Gesundheitsminister Matt Hancock kürzlich 5.000 zusätzliche Intensiv-Betten versprach, wurde seine Ahnungslosigkeit klar. Denn für jedes dieser Betten sind mindestens vier spezialisierte Pfleger mit vierjähriger Ausbildung notwendig - also 20.000.

Durch Johnsons Ideen zur Einwanderung wird Personal abgeschreckt. Ein Viertel aller NHS-Ärzte in England stammt aus dem Ausland, ebenso eine von sechs Krankenschwestern. Nach dem Brexit-Votum gingen sehr viele; 40.000 Stellen sind unbesetzt. Und ein Fünftel der europäischen NHS-Ärzte plante einer Umfrage zufolge, Großbritannien zu verlassen. Die Briten erleben jetzt die Folgen einer populistischen Politik aus Lügen, falschen Versprechungen, Ausländer- und EU-Feindlichkeit sowie sozialer Härte. Der NHS als Lackmustest der Brexiteers zeigt, wie ehrlich sie es gemeint haben. Es bleibt, ihnen Besserung zu wünschen.