LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Wie Manipulation in der digitalen Sphäre funktioniert - Und wie man sie entlarvt

Viele dürften sich noch an die Brexit-Kampagne im ersten Halbjahr 2016 erinnern und vor allem an den großen roten Bus der „Vote Leave“-Bewegung auf dem prangte: „Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche - Finanzieren wir stattdessen unser Gesundheitssystem damit“. Die Behauptung wurde schnell als glatte Lüge entlarvt, trotzdem baute sich nicht zuletzt immer wieder einer der prominentesten Köpfe von „Vote Leave“ vor dem roten Bus auf: Boris Johnson, heute ironischerweise britischer Premierminister, der den EU-Austritt Großbritanniens definitiv in die Wege geleitet hat.

Die Bilder von Boris mit dem roten Bus kursieren immer noch haufenweise im Netz, das bekanntlich nichts vergisst, doch die negative Presse von damals wurde mittlerweile bei den Rechercheresultaten über Google zu „Boris & Bus“ von positiveren Nachrichten abgelöst. Schnell stößt man auf ein Interviewvideo Johnsons, in dem er über seine Gewohnheiten spricht, um sich zu entspannen. So fertige er liebend gern Modelle von Bussen aus Weinkisten an und male glückliche Passagiere in die Fenster. Politbeobachter und Tech-Experten halten die kuriose Geschichte, die im Juni 2019 mitten im Kampf um den Vorsitz der Konservativen in Großbritannien in Umlauf kam, nicht für unschuldiges Geplauder, sondern für Teil einer Strategie um die Suchresultate im Internet zu beeinflussen.

„Search Engine Optimization“

„Die Suchmaschinen bringen zwar Millionen Resultate, aber die wenigsten lesen mehr als die erste Seite“, erklärte Chris Pinchen, Experte für Datensicherheit, gestern Mittag bei einer Konferenz zur Desinformation im Web im Europahaus im Rahmen des „Safer Internet Day“. „Search Engine Optimization“ heißt das Zauberwort, um das Ansehen etwa eines Politikers in den Suchmaschinen zu verbessern. Dann gibt es die Strategie der Ablenkung, die der ehemalige Journalist Johnson einmal in einem Beitrag wie folgt beschrieb: „Die Fakten sind überwältigend gegen dich, und je mehr Menschen auf die Realität fokussieren, desto schlimmer wird es für dich und dein Anliegen. Deine beste Wette unter diesen Umständen ist dann ein Manöver, das ein großer Kampagnenmanager als „die tote Katze auf den Tisch hauen“ beschreibt“. Dann spreche nämlich plötzlich jeder über die tote Mieze statt über deine wirklichen Absichten. Wenn also plötzlich massiv News auftauchen, die zu großen Diskussionen führen - in Großbritannien ist das beispielsweise immer wieder die Brücke zwischen Schottland und Irland - dann kann es gut sein, dass diese gezielt gestreut wurden, um abzulenken. „Die toten Katzen gibt es schon länger“, bemerkte Pinchen vor einem hochinteressierten Publikum, allerdings gingen sie heute viel schneller um den Globus, „und wenn sie Teil einer Strategie sind, dann haben wir ein Problem“.

„Deep Fakes“

„Du kannst eine Bot-Armee für 20 Kröten kaufen“, erklärte der Experte zur rasanten Manipulation durch automatisierte Verbreitungsprogramme. Die Manipulation mache übrigens längst nicht mehr vor Fotos und sogar Videos halt. In der digitalen Sphäre kursieren neben den Millionen Bilder, die aus dem Kontext gerissen sind und als Aufreger für Diskussionen sorgen, mit denen sie eigentlich nicht zu tun haben, auch ebensoviele computergenerierte Gesichter, die oft in falsche Social Media-Profile eingebaut werden. Man spricht hier von „Deep Fakes“.

Man kann hier testen, ob man den Unterschied von echten und computergenerierten Gesichtern erkennt: www.whichfaceisreal.com. „Wir können eigentlich nur dagegen vorgehen, wenn wir selbst lernen, wie Information verbreitet wird“, sagt Pinchen. Raphaël Vinot vom „Computer incident response center“ Luxemburg hatte seinerseits einige Tipps mitgebracht, wie man die Vertrauenswürdigkeit von Webseiten oder Social Media-Profilen einschätzen kann. So sollte man prüfen, wer dahinter steckt, ob es Beweise für die Behauptungen gibt und sie hieb- und stichfest sind und was andere über die Informationen sagen. Empfehlenswert in diesem Sinne: Die Videos von „Crash Course“ auf Youtube, die erklären, wie man mit Umsicht und Vorsicht durch die digitalen Informationen surft.

tinyurl.com/NavigatingDigitalInformation

Mit dem Brettspiel „Tubes“

Cyber-Sicherheit spielend lernen

„Tubes“ heißt das Gesellschaftsspiel, das BEE SECURE 2018 in Zusammenarbeit mit den Studenten der „International School“ entwickelt hat, um Kinder zum Thema Cyber-Sicherheit zu sensibilisieren. Ziel dieses Brettspieles ist es, den Spielern klar zu machen, dass das Internet eine physische Infrastruktur ist, dass  die Daten in Datenzentren kopiert  werden, und dass  jegliches Verhalten im Internet beobachtet wird.  Die 20-minütigen Partien belohnen die „guten Online-Nachrichten“ und sanktionieren die schlechten mit symbolischen Jetons und Spielmarken. Der Spieler, der die meisten grünen Jetons und Lebensmarken gesammelt hat, gewinnt. Zielgruppe sind Kinder zwischen 8 und 12 Jahren. Das Spiel, das bereits an die „Maisons Relais“ verteilt wurde, kann aber in jedem Alter benutzt werden.

Mehr: www.beesecure.lu
EU-Verbraucherzentren starten Kampagne gegen Betrug in sozialen Medien

Gelockt und getäuscht

Täglich wird gezielte Werbung in den Sozialen Netzwerken verbreitet, die Verbraucher mit angeblich günstigen Angeboten locken soll. Facebook, YouTube und andere soziale Medien sind nämlich schnelle, effektive Mittel, um mit „unwiderstehlichen“ Deals zu werben. Jedoch nutzen einige Unternehmen dies aus, um an Geld oder vertrauliche Informationen zu gelangen. Laut einer aktuellen Studie der Europäischen Kommission wurden 56 Prozent der EU-Verbraucher in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Betrugsfällen. Die meist genutzte Art von Betrugsmaschen, die in den sozialen Medien zu finden sind, ist der sogenannte „Kaufbetrug“. Dabei werden Verbraucher in Abo-Fallen gelockt oder zum Kauf von Produkten verleitet, die gefälscht sind oder nicht existieren. Das Netzwerk der Verbraucherzentren in der EU startet nun eine Kampagne, die Vebraucher darauf aufmerksam machen soll, nicht unüberlegt zu handeln - und auf jeden Fall einen Screenshot zu machen, wenn man sich auf eine solche Werbeanzeige einlassen will. In der gesamten EU, Norwegen und Island bietet das Netzwerk der Europäischen Verbraucherzentren (European Consumer Centres Network, kurz ECC-Net) Unterstützung für Verbraucher, die auf Betrugsmaschen von skrupellosen Unternehmen in den sozialen Netzwerken hereingefallen sind. „Wenn Verbraucher sich an uns wenden, fehlen oft die Beweise, die auf einen Verstoß hindeuten würden. Dies ist ein Problem. Darauf wollen wir uns mit dieser Kampagne konzentrieren“, sagt Karin Basenach, Direktorin des EuropäischenVerbraucherzentrums Luxemburg.

Bei Fragen zum europäischen Verbraucherschutz oder im Falle von grenzüberschreitenden Verbraucherstreitigkeiten ist das EVZ hier erreichbar: 2A, rue Kalchesbrück, L-1852 Luxembourg - Tel: 26 84 64-1 - Fax: 26 84 57 61, E-Mail: info@cecluxembourg.lu