CORDELIA CHATON

Das Ansinnen ist alles andere als einfach: An zwei Tagen 27 Menschen zusammenbringen, eine Krise und mindestens fünf mehr oder weniger internationale und globale Probleme lösen und dann noch für Einheit sorgen. Dass ein solches Wochenendprogramm nicht unbedingt funktionieren kann, ist zu erwarten. Und doch haben die Slowaken sich das vorgenommen. Sie führen derzeit den Ratsvorsitz in der EU und laden in ihre Hauptstadt Bratislava ein. Regierungs-Chef Robert Fico träumt öffentlich von einem „Bratislava-Prozess“, einem neuen Weg, die EU wieder zu einen. Der soll ausgerechnet im Land der gut bewachten Grenzen gefunden werden. In Bratislava soll es schwuppdiwupp eine Antwort auf die Brexit-Krise geben. Und auf die vielen anderen Krisen. Denn die Wahrheit ist: Europa ist zur Zeit reich an Baustellen.

Da ist der Brexit, der nicht nur ein finanzielles Problem darstellt, weil Großbritannien zweitgrößter Nettozahler ist, sondern vor allem auch ein moralisches. Mit dem Brexit wurde die EU vom Club, in den alle rein wollen, zum Club, der out ist. Und dazu kommt die Schelte: Grexit wird gefordert wegen Schulden, Ungarns Exit wegen der Missachtung der Menschenrechte - und böse Blicke auf die stets verschuldeten Südstaaten gibt es gratis. Die fühlen sich als B-Klasse und von Deutschland düpiert, dem sie ohnehin anlasten, die Stimme Europas sein zu wollen und als diese - in Form von Angela Merkel - überhaupt erst die Flüchtlingskrise nach Europa geholt zu haben.

Die Flüchtlingskrise ist eine weitere Baustelle. Vor einem Jahr hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eine Rede gehalten, in der er vor allem Einheit gefordert hat und Solidarität. Davon ist nicht mehr viel über. Heute wird er sicher Vergleichbares sagen. Aber ob das mehr Erfolg hat als der letzte Appell? Als einzige Antwort auf den Andrang hat die EU die Türkei als Hüterin der Grenzen gesetzt und finanziert. Von einer Verteilung der Lasten oder gar der Flüchtlinge kann keine Rede sein, von einer gemeinsamen Bewältigung schon gar nicht. Daran hat auch Bratislava seinen Anteil.

Mittlerweile hat die Flüchtlingskrise auch zu anderen Fragen geführt, wie die der nationalen Souveränität oder der Pressefreiheit. Terroranschläge und Festnahmen von Flüchtlingen als Terror-Täter oder Verdächtige sind Wasser auf den Mühlen von Gegnern. Sie übersehen gern, dass die Flüchtlinge auch ohne Merkel da wären.

In dieser Krise könnte Europa, das sich selbst als Hüterin humaner Werte sieht, nicht nur aufnehmen, zahlen und helfen, sondern auch fordern und verlangen. Seltsamerweise geschieht das weder gegenüber den USA, die an dem Desaster einen heftigen Anteil haben, noch gegenüber Russland, das nur Eigeninteressen vertritt, noch gegenüber der Türkei. Deren Regierungsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan gibt sich übrigens seit dem Putsch schwer enttäuscht und wirft der EU mangelnde Solidarität vor. Dass er Europäer durch den Massenrauswurf von Lehrern, Richtern oder Polizisten schwer verunsichert, stört ihn nicht. Dennoch: Auch, wenn es in Bratislava nicht sofort klappt, sollten sich alle daran erinnern, wie es ohne die EU war. Vielleicht hilft das.