LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Maskenpflicht und halbe Klassen: Unter besonderen Vorkehrungen wird der Schulbetrieb in den kommenden Wochen wieder hochgefahren

Durch eine kollektive Anstrengung konnte die Ausbreitung des Coronavirus im Großherzogtum gebremst werden. „Doch der Kampf wird noch lange anhalten“, meinte Bildungsminister Claude Meisch (DP) heute auf einer Pressekonferenz, um den gestern vorgestellten Exitplan der Regierung für das Bildungswesen zu erläutern. Um „die Zukunftschancen für alle jungen Menschen zu garantieren“ und das Schuljahr allen Umständen zum Trotz abzuschließen, wird der Unterricht im Klassensaal unter „enormen Sicherheitsmaßnahmen“ in Etappen wieder aufgenommen, ab 4. Mai für Schüler auf den Abschlussklassen, ab 11. Mai für die anderen Sekundarschüler und ab 25. Mai in den Grundschulen und Betreuungsstrukturen wie Kinderkrippen.

Mit dieser Reihenfolge beweise die Regierung, dass ihre Vorgehensweise „klar auf die Interessen der öffentlichen Gesundheit ausgerichtet ist“, anders als in anderen Staaten, in denen wirtschaftliche Interessen an erster Stelle stünden. Die Behörden zählen darauf, dass Jugendliche und junge Erwachsene sich „eher an die sanitären Regeln“ halten und sich die Situation bis Ende Mai weiter verbessert.

Auch wenn es nicht möglich sei, alles von einem Tag auf den anderen wieder hochzufahren, so „brauchen wir aber eine gewisse Normalität“, sagte Meisch. Die Rückkehr in den Klassensaal sei auch erforderlich, weil einige Schüler große Rückstände aufzeigen oder zuhause isoliert seien.

Die Gewerkschaften APESS, Féduse, SEW und SNE wiesen indes – vor der Pressekonferenz am Nachmittag und nachdem sie am Mittwoch von Minister Meisch informiert wurden - in einer gemeinsamen Mitteilung auf offene Fragen im Kontext der Exitstrategie hin, ob beispielsweise sichergestellt werden kann, dass die „soziale Distanzierung sowie die Hygienemaßnahmen in den einzelnen Schulen immer und überall eingehalten werden können“ oder ob ausreichend Ersatz für gefährdete Lehrer gefunden werden kann, die nicht zum Unterricht antreten können. Insgesamt sind die Gewerkschaften der Ansicht, „dass die Gesundheit der Bevölkerung auch im Kontext der geplanten schrittweisen Lockerung der Ausgangsbeschränkung vor jeglichen wirtschaftlichen Überlegungen stehen muss. Nur das, was von Gesundheitsexperten als verantwortbar betrachtet wird darf gemacht werden.“

Ein Überblick über die speziellen Vorkehrungen für die Wiederaufnahme des Unterrichts:

Die Klassen werden in zwei Gruppen (A und B) aufgeteilt, die abwechselnd im Wochenrhythmus zur Schule gehen und zuhause (in der Grundschule alternativ auch in der „maison relais“) Aufgaben machen. Die reduzierte Schülerzahl soll es ermöglichen, einen Abstand von zwei Metern zueinander im Klassensaal einzuhalten. Die Halbierung der gleichzeitig aktiven Schülerzahl auf 50.000 sei ein „wichtiger Beitrag“ zur Eindämmung der Covid-19-Erkrankung.

Das Tragen von Masken, die Mund und Nase verdecken, ist im Schulbus und -gebäude Pflicht, im Klassensaal fakultativ. An Schüler und Lehrer werden je zwei Masken verteilt. Die Maske soll auf dem gesamten Schulweg getragen werden.

In den Klassensälen und bestimmten Orten in den Schulgebäuden werden Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Flure und Treppenhäuser werden so organisiert, dass sich Schülerströme nicht kreuzen. Die Kantinen bleiben zu, Schüler sollen aber „food bags“ bestellen können. In den Pausen können Schüler in den Hof. Die Pausen finden aber zeitversetzt statt. Der Sport- und Schwimmunterricht fällt aus. Im „Fondamental“ wird der Unterricht komprimiert und soll von 08.00 bis 13.00 stattfinden. In der Woche vom 11. Mai sollen Schüler auf den Abschlussklassen Prüfungen schreiben, um das Semester abzuschließen. In der darauffolgenden Woche sollen die optionalen Prüfungen (in maximal drei Fächern) zur Verbesserung der Semesternote stattfinden.

Der Zeit- und Terminplan für die Abi-Examen bleibt unverändert. Die Schuldirektionen sind damit beauftragt, Ausschau nach weiteren Räumen zu halten, in denen die Prüfungen mit ausreichend Sicherheitsabstand organisiert werden können. Start der Examen ist am 25. Mai. Abgefragt wird die bis zum 13. März 2020 behandelte Materie.

In der Berufsausbildung läuft der Unterricht auf den Abschlussklassen ebenfalls am 4. Mai wieder an. Die Dauer der Abschlussprojekte (PIF) soll noch angepasst werden. Geprüft wird nur die bis zum Ende des 1. Semesters 2019/20 behandelte Materie.

Schüler der anderen Sekundarschulklassen und Berufsausbildung sollen bis zu den Pfingstferien (30. Mai bis 7. Juni) die per Fernunterricht behandelten Inhalte wiederholen. Außerdem finden in dieser Phase Prüfungen in den Haupt- und Spezialisierungsfächern statt. Nach den Pfingstferien sollen neue Lerninhalte vermittelt werden. Auszubildende können, insofern ihr Unternehmen die Arbeit wieder aufgenommen hat, in den Betrieb zurückkehren. Ist dem nicht so, sollen die Schulen Alternativen suchen.

Gefährdete Schüler sollen dem Unterricht fernbleiben. Für sie soll der Unterricht live übertragen werden.

Die ambulanten Hilfsdienste im Kinder- und Jugendbereich, beispielsweise des „Office national de l´enfance“ (ONE) nehmen ab Montag ihre Arbeit wieder auf. „Punktuell“ sollen laut Angaben des Bildungsministeriums Kinder mit spezifischen Bedürfnissen in den Kompetenz- oder Therapiezentren betreut werden, wenn es die Kontinuität einer Therapie oder Diagnose erfordert.

Für Schüler, zu denen der Kontakt auf Distanz nicht aufrechterhalten werden kann, soll ein Unterricht im Schulgebäude ermöglicht werden.

Wird ein Kind positiv auf Covid-19 getestet, soll das direkte Umfeld – in der Logik des Ministeriums die Mitschüler der Klasse sowie die Lehrer getestet werden. Es ist nicht geplant, in diesem Fall die gesamte Klasse unter Quarantäne zu stellen.

Das Angebot auf schouldoheem.lu wird ausgeweitet. Für kommende Woche kündigen sich Filme von Uni-Studenten an, die „Kernelemente“ der Materie im Grundschulunterricht erklären.

Mit Blick auf die Grundschule sind noch nicht alle Fragen geklärt, wie beispielsweise verhindert werden soll, dass sich Gruppen von Kindern in der „maison relais“ kreuzen. Für die Kinderbetreuungsstrukturen werden genauere Anweisungen ausgearbeitet, die dann vor dem 25. Mai mitgeteilt werden sollen.

Auch die Organisation der Schulbusse lässt Fragen offen. Die Rechnung der Regierung lautet, dass die Hälfte der Schüler auf die gleiche Anzahl der Busse trifft – und so die Busse nicht überfüllt sein dürften. Aufgrund der Maskenpflicht müsste der Abstand aber ohnehin nicht unbedingt eingehalten werden, meinte der liberale Minister heute.

Bis Krippen und „maisons relais“ ihre Türen wieder öffnen, können Eltern, die wieder zur Arbeit gehen, auf den eingerichteten Sonderurlaub aus familiären Gründen zurückgreifen. Das gilt im Prinzip auch für Sekundarschullehrer mit eigenen Kindern im Grundschulalter. Das Ministerium denkt hingegen noch „über eine flexible Lösung“ nach, die „vielleicht“ bis zum 11. Mai gefunden werden könnte, so Meisch.

Individueller Musikunterricht ist ab dem 11. Mai wieder möglich, kollektive Kurse hingegen nicht.

71 neue Infektionsfälle

68 Sterbefälle durch Covid-19 – Erklärung von Premier Bettel morgen im Parlament

Wie das Gesundheitsministerium heute am Spätnachmittag mitteilte, hat Luxemburg 71 neue Corona-bedingte Infektionen zu beklagen. Die Zahl der Toten wurde indes wegen einem Übermittlungsfehler nach unten revidiert. Lag die Zahl der bislang Verstorbenen am Mittwoch noch bei 69, so lag sie heute bei 68 Toten. Das Medianalter der Verstorbenen liegt inzwischen bei 85 Jahren. Auf Covid-19 positiv getestet wurden in Luxemburg bislang insgesamt 3.444 Personen. Der Altersdurchschnitt liegt hier bei 46 Jahren. Von den infizierten Personen sind 2.830 Ansässige und 614 Nichtansässige; 50,6 Prozent sind Männer und 49,4 Prozent Frauen. Corona-Tests durchgeführt wurden bislang im Ganzen 31.660. Hospitalisiert waren bis heute Nachmittag 205 Personen (Covid-19 und Verdachtsfälle), von denen 35 in Intensivbehandlung waren. 552 Personen konnten die Spitäler inzwischen wieder verlassen. Übermorgen kommt der Regierungsrat zu seiner zweiten Sitzung in dieser Woche zusammen. In der Mittagsstunde findet dann eine weitere Videopressekonferenz statt, auf der Vizepremier und Mobilitätsminister François Bausch Erklärungen über die neuen Bestimmungen im öffentlichen Transport und auf den Baustellen sowie über die entsprechenden Polizeikontrollen geben wird, derweil Vizepremier und Arbeitsminister Dan Kersch die neuen Maßnahmen im Bereich der Sicherheit am Arbeitsplatz sowie die neuen Arbeitslosenzahlen vorstellt. Die Abgeordnetenkammer kommt ihrerseits um 14.00 zu ihrer ersten Sitzung im Cercle-Gebäude zusammen, in deren Mittelpunkt eine Erklärung von Premier Bettel über die Exit-Strategie stehen wird. Mit einem Brief an die Gesundheitsministerin zu Wort meldete sich auch die Vereinigung der Ärzte und Zahnärzte (AMMD, die hier dafür eintritt, die medizinischen Aktivitäten in den Praxen bis zum Monatsende wieder langsam anlaufen zu lassen. Die Staatsbeamtengewerkschaft CGFP ist ihrerseits der Überzeugung, dass die Arbeitgeber der Regierung im Nacken sitzen und dabei auf eine schnelle Lockerung pochen würden, obwohl diese ein erhebliches Risiko für das Wohl der Gesellschaft berge. Eine rasche Rückkehr zur Normalität könne sich als grob fahrlässig erweisen. pst