LUXEMBURG
ANDY MAAR

Viele betrachten die 60er Jahre als ein Jahrzehnt der Revolution, der Selbstbestimmung und der gesellschaftlichen Öffnung. Stellvertretend gelten hier der „Kings March on Washington“ mit der Rede „I have a dream“ im Jahr 1963 oder auch „die 68er-Bewegung, die, zumindest gefühlsmäßig, in dem legendären Woodstock-Festival gipfelte“, führt Andy Maar, Mitglied des Organisationsteams „Luxembourg Pride“, aus.

„Doch anderthalb Monate vor Woodstock ereignete sich eine Revolte, die ebenfalls bis heute nachhallt und deren Jubiläum wir 2019 zum 50. Mal zelebrieren. Nicht (nur) in Gedenkzeremonien, sondern auf eine Art und Weise, die dem Wesen der LGBTIQ-Community eher entspricht: Mit viel Pomp, Glamour und vor allem Lebensfreude!

Das Amerika der 60er Jahre war alles andere als liberal. Wer sich als schwul oder lesbisch outete, wurde geächtet, verlor nicht selten den Job, wurde aus dem Familienkreis verbannt oder musste sich Konversionstherapien mittels Elektroschocks unterziehen. In vielen Fällen wurde eine Lobotomie verordnet. Der einzige Rückzugsort für Schwule und Lesben waren oft nur Kneipen und Bars. Diese knüpfte sich die Polizei jedoch immer öfter vor. Am 28. Juni 1969 kam es zu einem Aufbegehren der queeren Community, der Rest ist Geschichte, die wir jedes Jahr aufs Neue als Pride oder CSD, benannt nach der Christopher Street, in der sich das Stonewall Inn befindet, feiern.

Nach vielen Jahren des gesellschaftlichen Fortschrittes haben wir 2019 wohl einen nie gekannten Höhepunkt in Sachen Rechte der LGBTIQ-Gemeinschaft erreicht. In Luxemburg ist es nun fünf Jahre her, dass das Parlament mit einer überwältigen Mehrheit von 56 Stimmen für eine Ehe- und Adoptionsreform gestimmt hat. Wir belegen im ILGA Europe Index den sehr guten dritten Platz. Doch gibt es da noch einen Grund, einmal jährlich auf die Straße zu gehen?

Betrachtet man den langen und sehr beschwerlichen Weg der queeren Emanzipation und die derzeitige Entwicklung in anderen Teilen Europas, so kann ich dies nur mit Ja beantworten. Aus Deutschland und Frankreich hören wir in den letzten Jahren immer öfter von homo- und transphober Gewalt auf offener Straße. Eine im Bundestag vertretene Partei möchte Homosexuelle zählen lassen. In Frankreich wurde vor zwei Monaten ein Informationsstand anlässlich des IDAHOBIT-Tag von Rechten angegriffen. In Polen rühmen sich immer mehr Ortschaften ‚LGBT-freie Zonen‘ zu sein, während Jaroslaw Kaczynski Homosexuelle als ‚Bedrohung für Polen‘ in öffentlichen Ansprachen betitelt. Und bitte vergessen wir nicht die Jagd, die vielerorts auf homosexuelle Männer in Russland gemacht wird. Doch auch in Luxemburg ist noch nicht alles in Butter. So wartet die Community auf die Verankerung des Diskriminierungsschutzes aufgrund von sexueller und geschlechtlicher Identität in der Verfassung, Blutspenden schwuler Männer ist immer noch verboten, Trans- und Intersexpersonen warten ebenfalls noch auf eine Reihe Gesetzesreformen. Und solange das Wort ‚schwul‘ immer noch als Synonym für etwas Negatives herhalten muss, solange haben wir noch ein Stückchen in Sachen Akzeptanz zu tun.

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass neugewonnene Rechte schnell wieder weggenommen werden können. Es ist daher an uns, weiterhin für diese Rechte einzustehen und eine Einladung an die gesamte Gesellschaft auszusprechen, zusammen mit uns die wunderbare Vielfalt des Zusammenlebens zu feiern. Man kann nur Vorurteile und Ängste abbauen, wenn man sich Ihnen stellt.“