PATRICK WELTER

Wie sehr die Welt auf dem Kopf steht, zeigen Nachrichten aus Südamerika. Während im Norden des Kontinents ein linker Semi-Diktator mit der durchgeknallten Theorie des „bolivarischen Sozialismus“ eines der reichsten Länder der Erde, Venezuela, ruiniert und seine Bevölkerung in Hunger und Flucht treibt, pendelt das Riesenland Brasilien nach rechts - verdammt weit nach rechts. Dabei müssten die Brasilianer doch wissen, dass ganz rechts nur eines wartet - das Militär. Kein Militär der Bürger in Uniform wie in Europa, sondern ein Militär, das sich schon immer als Staat im Staate verstanden hat, als die wahre Macht. Die lateinamerikanischen Militärs hatten nette Sachen drauf: Konzentrationslager in Fußballstadien, Verschleppungen, geheime Massengräber, Folterzentren, Verschwundene, Zwangsadoptionen, der Abwurf von Gefangenen aus Hubschraubern und auch ein kleiner Krieg, das Ganze kombiniert mit einer ruinierten Wirtschaft, besonders in Argentinien und Brasilien. Militärs sind in der Beziehung wie der real existierende Sozialismus - sie können alles außer Wirtschaft. Nur der Schlächter Pinochet bildete da eine Ausnahme.

Eigentlich sollte auf diesem Kontinent kein Mensch mehr auf die rechte Karte setzen. Wohlgemerkt, dieses „Rechts“ steht nicht für europäisch konservativ, sondern für semi- bis vollfaschistisch. Letzteres gilt ganz besonders für Jair Bolsonaro, der offenbar die letzten drei Jahrzehnte, wenn nicht länger, im Kälteschlaf verbracht hat, um jetzt der Zeit der Militärdiktatur zu huldigen, von Erschießungen zu träumen, in einem ethnisch bunten Land wie Brasilien den Rassismus wiederzuentdecken und einen Machismo zu pflegen, der schon vor hundert Jahren als reaktionär galt. Trotzdem hat er die erste Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahlen mit 46 Prozent gewonnen. Immerhin, es kommt noch eine zweite Runde, doch ob die Linke ihren Rückstand aufholen kann, ist zweifelhaft. Bolsonaro wirkt wie eine Blaupause von Donald Trump, mit Tabasco verschärft. Kaum vorstellbar, aber das geht.

Nach 14 Jahren sozialdemokratischer Präsidenten ist so etwas wie eine Mittelklasse in Brasilien entstanden, die nun mit der Wirtschaftskrise um ihre Position fürchtet und sich dem angeblichen Newcomer - Abgeordneter seit 25 Jahren - an den Hals wirft. Unterstützt von einer oligarchischen Oberschicht, die das ganze Sozialgedöns wieder loswerden will.

Übel ist auch der Einfluss evangelikaler Sekten, finanziert und gefördert von Brüdern und Schwestern in den USA, sie stehen voll hinter dem (katholischen) Christen Jair Bolsonaro. Wobei von Nächstenliebe keine Rede sein kann, offenbar ist die Bibel Auslegungssache. Die Frömmler, in den USA eine treue Trump-Truppe, loben natürlich Bolsonaros Weltsicht.

Die katholische Kirche Brasiliens ist eher bei den Armen zu verorten, die das linke politische Spektrum stützen, nur sitzt dessen beliebtester Führer im Knast. Am Ende des zweiten Wahlgangs, egal wie er ausgehen mag, wird die gesellschaftliche Spaltung zementiert. Die unterlegene Seite wird „Schiebung“ brüllen. Im schlimmsten Fall gehen beide Seiten physisch aufeinander los - was dem Militär Anlass geben wird, die Ruhe im Land wiederherzustellen. Bis zur bleiernen Grabesruhe.