LUXEMBURGPIERRE WELTER

Ex-SREL-Chef Marco Mille im Zeugenstand: Emile Krieps als Gründer einer Geheimorganisation?

Einem wahren Feuerwerk an Fragen war gestern der ehemalige Geheimdienstchef Marco Mille im Zeugenstand ausgesetzt. Kaum überraschend, dirigierte der Mann doch zwischen 2003 und 2010 den „Service de Renseignement“, eine Zeit in der „Bommeleeër“-Ermittler Hausdurchsuchungen im Dienst durchführten und Agenten eine interessante Hypothese über mögliche Verwicklungen des SREL in die Affäre aufstellten.

An die Hausdurchsuchung erinnert sich Mille, der eingangs der Anhörung bemerkte, dass er aufgrund des Geheimdiensgesetzes nicht über alles Aufschluss geben könne, noch sehr genau. Eines Tages hätte die damalige beigeordnete Kripo-Leiterin Andrée Colas mit einem Durchsuchungsbefehl und zwei Ermittlern vor der Tür gestanden. Auf seine Nachfrage bei Premier Juncker, was denn zu tun sei, habe der ihm gesagt, die Kripo-Beamten seien auch bereits bei ihm selbst vorbei gekommen. Mille erzählte ferner, dass es schwierig gewesen sei, in dem desorganisierten Geheimdienstarchiv etwas zu finden.

„Ich war nicht der Archivar“

Man habe nach Stichwörtern gesucht und die Kripo habe die Dokumente dann allesamt mitgenommen. Bei nachträglichen Recherchen im SREL seien dann weitere Informationen aufgetaucht, die er an die Untersuchungsrichterin übergeben habe, so der Zeuge, der sagte, er wisse nicht, woher der Bericht des ehemaligen Beschattungsleiters Armand Kaudé über die Observierung auf den BMG-Gründer Ben Geiben Ende November 1985 gekommen sei. „Ich war nicht der Archivar“, entschuldigte sich Mille, für den der Bericht auf jeden Falle eine Überraschung gewesen sei. Das Dokument, in dem Kaudé auch „Verdachtsmomente“ gegen den BMG-Vize Jos Steil verfasst hatte, hätte Justiz und Ermittlern in den 1980ern wohl mächtig auf die Sprünge geholfen. Wie der Bericht 19 Jahre lang im SREL schlummern konnte, ist Marco Mille schleierhaft, der davon ausgeht, dass der Inhalt damals wohl mündlich an die Gendarmerie weiter gegeben wurde. Sein Vorgänger Charles Hoffmann habe ihm jedenfalls nichts über die „Bommeleeër“-Affäre gesagt.

„Comité Permanent de Sécurité“: Gute Idee, aber keine Zusammenarbeit

Der Ex-SREL-Leiter, der übrigens aussagte, weder Jos Steil noch Gilbert Leurs seien seines Wissens informelle Mitarbeiter des Geheimdienstes gewesen, dass er aber „in diesem Land“ nichts ausschließen könne, kam anschließend auf den „Conseil permanent de sécurité“ (CPS) zu sprechen. Es handelt sich dabei um ein in den 1970ern geschaffenes, vom Gendarmerie-Kommandanten präsidiertes Gremium unter Aufsicht des Justizministers, in dem Vertreter des Justiz- und Außenministeriums saßen, der Sicherheitskräfte, der „Protection civile“ und des SREL. Das CPS sollte vor allem terroristische Bedrohungen ausmachen und Gegenmaßnahmen ergreifen. „Das Organ CPS war eine gute Idee“, so Mille, „allerdings gehört zu solch einer Task Force eine Zusammenarbeit“. Und eben die habe nicht stattgefunden.

„Dat war Terrorismus“, sagte der Zeuge über die Bombenattentate. Spätestens nach dem dritten Angriff hätte der SREL eng in die Ermittlungen eingebunden werden müssen, allein um über die Kontakte mit den befreundeten Geheimdiensten im Ausland abzuklären, ob eventuell Verbindungen zu terroristischen Organisationen bestehen könnten. Auf nationalem Plan sei die Gendarmerie für die Ermittlungen zuständig gewesen. „Wir wollten helfen, doch wir durften nicht“, sagte Mille. Auch sein Vorgänger Charles Hoffmann hatte diese Woche im Zeugenstand wiederum betont, der SREL sei bei den „Bommeleeër“-Ermittlungen „im Regen stehen gelassen“.

Was die Rolle des geheimen „Stay Behind“-Netzwerks anbelangt, das bekanntlich vom SREL betreut wurde, sagte der Zeuge: „Ich bin formell. Im ‚Plan‘ gab es keine ‚Branche Action‘“. „Stay Behind“-Strukturen im Ausland hatten wohl einen solchen Zweig. Mille holte weit aus, erklärte dass der damalige Premier Pierre Werner den Geheimdienst 1960 aus der Armee holte. Der „Plan“ wechselte ebenfalls zur nunmehr eigenständigen Verwaltung SREL unter Aufsicht des Staatsministers.

Wer hatte politisch das Sagen bei den Sicherheitskräften?

Man müsse sich fragen, so Mille, wer denn bis 1984 die politische Kontrolle über die Sicherheitskräfte gehabt habe. Armeeminister waren seit 1959 DP-Politiker, erst Eugène Schaus und dann Emile Krieps.

Milles These: Es könnte eine Parallelstruktur im Sicherheitsapparat gegeben haben, die Bombenattentate hätte durchführen können. Und wenn, dann habe sie unter der Aufsicht der DP-Minister gegründet werden müssen und habe eine sehr hohe Kohärenz aufweisen müssen. Der Ex-Geheimdienstdirektor ist sich sicher, dass es im SREL selbst jedenfalls keine solche Parallelstruktur habe geben können. Mille blickte noch weiter zurück und erinnerte daran, dass der Resistenzler Krieps kurz nach dem Krieg schwer unter den Anschuldigungen gelitten habe, er schmiede gemeinsam mit anderen ein Komplott gegen die Regierung. Die Hypothese des Ex-Geheimdienstchefs, der betonte, dass er über kein Element verfüge, das Emile Krieps oder dessen „Protégé“ und BMG-Gründer Ben Geiben in irgendeiner Weise mit den „Bommeleeër“-Attentaten in Verbindung bringe: Nach der „Putsch“-Affäre 1946 sei womöglich eine Geheimorganisation gegründet worden, um unter anderem die Armee unter Kontrolle zu behalten.

Die Organisation habe aus der Armee heraus gegründet werden müssen, habe allerdings breiter aufgestellt werden müssen, um über alle Vorgänge im Sicherheitsapparat Bescheid zu wissen. Dafür habe man Jahre gebraucht. Mille stellt sich unter anderem die Frage weshalb der „Plan“ anfangs aus 40 Leuten, später aber nur aus einem Dutzend Agenten bestanden habe. Man müsse sich die Frage stellen, wo die anderen 28 verblieben wären. „Im SREL waren sie nicht“, so der Zeuge, für den die ehemalige „Branche Action“ des „Plan“ weiter in der Armee bestanden haben könnte. Darauf hin deuten für ihn auch die simulierten Angriffe auf US-Militäreinrichtungen in den 1980ern, von denen bereits einige Zeugen berichtet haben. Die Männer, die bei den verdeckten Operationen und Manövern mitmachten, hätten sich beim Armee-Kommando melden müssen und nicht beim SREL.

Zu der Theorie des Schweizer Historikers Daniele Ganser, der über die NATO-Geheimarmeen intensiv recherchiert hat, sagte Mille, der habe heraus gefunden, dass über die „Branche Action“ in Luxemburg nie ermittelt wurde und die konkrete Umsetzung des „Plan“ nicht erkundet ist. Daraus hätten sich eine Menge offener Fragen ergeben, die er unter anderem auch mit dem damaligen Premier Juncker diskutiert habe, so Mille, der dem Gericht abschließend für die Gelegenheit dankte, seine Gedanken darlegen zu können. Heute werden der ehemalige Finanzminister Luc Frieden und der frühere Chef der Rechnungskammer, Gérard Reuter, in den Zeugenstand treten.