PATRICK WELTER

Es tritt das ein, womit zu rechnen war, die Kurden haben dem Westen in Syrien den Allerwertesten gerettet und jetzt erhalten sie einen kräftigen Tritt in ihr eigenes Hinterteil. Erdogan spielt Krieg mit ihnen und auf einmal ist der semifaschistische Türkenchef mal wieder der liebe Partner des Westens. Man möchte speien. Europas Diplomaten zeigen sich als devote Bücklinge gegenüber einem ex-Demokraten, der das Spiel von Manipulation, Einschüchterung und Lüge bis ins Kleinste beherrscht.

Vergleiche sind immer heikel, aber die Taktik Erdogans kommt eindeutig aus der Schule der Diktatoren. Zuerst der merkwürdige Putsch, der sich als hervorragende Gelegenheit erwies, Gegner zu verhaften, die Opposition mundtot zu machen und die Presse klein zu kriegen. Als Fingerübung noch ein paar Nato-Partner nerven - solange bis die deutsche Luftwaffe ihre ganze Basis einpackte und nach Jordanien abhaute.

Ein anderes Spiel Erdogans war noch hässlicher: Über Werte labern und gleichzeitig Schmugglerrouten für den IS freihalten. Erst als es gar nicht mehr ging, brach die Partnerschaft. Natürlich hat Recep auch für alles einen Sündenbock, er zeigt oder schießt bei jeder Gelegenheit auf die Kurden - das personifizierte Böse. Erdogans Hass auf eine ganze Ethnie scheint durch und durch irrational oder er ist der kälteste Zyniker, den die Welt seit Milosevic gesehen hat. Die nächste Eskalation folgt jetzt.

Seine Panzer rolle in einen friedlichen Zipfel Syriens, der spitz in das türkische Territorium hineinragt und von bösen Kurden bewohnt wird.

Kein Wunder dass Erdogans Truppen schon jetzt verkünden, dass es kein Zurück geben wird. Irgendwie scheint sich die Welt gerade in einer Zeitschleife zu befinden. Da gibt es in Europa unter rechtsgewirkten Regierungen ein Bündnis aus Teilen der 1919 zerschlagenen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Gemeinsam pfeift man einträchtig auf die europäischen Werte, die nur sentimentales Getue sind. „K.u.K.“ steht nicht mehr für „Kaiserlich und Königlich“, sondern für Kurz und Kaczynski. Gemeinsamer Nenner? Alles Fremde ist böse! Immerhin, man setzt nur auf Stacheldraht.

Erdogan ist zwar spät dran, die Zerschlagung des Osmanischen Reiches durch den Vertrag von Sèvre liegt auch 98 Jahre zurück. Doch aus seiner Absicht die daraus resultierenden „ungerechten“ Grenzen der Türkei ändern zu wollen, macht er keinen Hehl mehr.

Für ihn ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, den Traum von nationaler Größe umzusetzen. Der syrische Falke ist zwar wider Erwarten nicht tödlich getroffen, er hat aber nicht die Kraft sich dagegen zu wehren, dass ihm die Türkei ein paar Federn ausreißt - also unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung die Grenzen ein bisschen verschiebt. Was macht das Volk von Edirne bis zum Van-See? Es jubelt dem Neo-Sultan zu.

Wenn der windelweiche Westen Erdogan nicht in den Arm fällt, werden die nächsten Opfer vielleicht Irak, Armenien, Georgien und zuletzt Bulgarien und Griechenland heißen. Für die EU und ihre Außenminister muss nur eines gelten: „Appeasement“ ist keine Option!