LUXEMBURG
GUSTY GRAAS

Das Brexit könnte für ein Wiederaufflammen eines jahrhundertealten Konflikts sorgen - Ein Rückblick auf historische Spannungen

Wenngleich die Corona-Krise zurzeit das allgemeine Geschehen deutlich in den Hintergrund stellt – spätestens nach dem Abflauen der Pandemie wird wieder auf allen politischen Fronten mit harten Bandagen gekämpft. Das gilt insbesondere für die Brexit-Strategie. Seit dem 31. Januar gehört Großbritannien nicht mehr der EU an. Nach wochenlanger Zwangspause starteten am vergangenen 20. April wiederum Verhandlungsrunden. Die Klärung der Handelsbeziehungen wirft unweigerlich auch die Frage nach der zukünftigen Grenze zwischen Nordirland und Irland auf. Der in den letzten Jahren doch faktisch eingedämmte Konflikt in Nordirland riskiert nun wieder an die Oberfläche zu gelangen. Ein Blick in die Geschichtsbücher erlaubt, den Ursprung dieser jahrhundertalten blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten zu ergründen.

Seit der englische König Heinrich II. 1171 einen militärischen Vorstoß nach Irland wagte, kam es immer wieder seitens der Engländer zu Übergriffen auf die grüne Insel. Unter Königin Elisabeth I. (1558-1603) flammten regelmäßig Aufstände in Irland auf, vor allem in der Provinz Ulster. Die Iren lehnten sich gegen die Anglisierungsbemühungen auf und verteidigten das Gälentum sowie die katholische Religion. Mit der sogenannten Plantation sollten protestantische Neusiedler aus England und Schottland den Norden Irlands bevölkern.

1690: entscheidende Schlacht am Fluss Boyne

1649 führte Oliver Cromwell einen erbarmungslosen Feldzug gegen die Iren, der 1652 mit dem Act of Settlement endigte: Er requirierte über 11 Millionen Morgen Land, das sich noch in katholischem Besitz befand. Hoffnung unter den Katholiken keimte auf, als Jakob II., der zur Römischen Kirche konvertiert war, 1685 den englischen Thron bestieg. Doch das Parlament und die Armee widersetzten sich dem König, woraufhin dieser die Flucht nach Frankreich ergriff. Sein 1650 geborener Schwiegersohn Wilhelm III. folgte ihm auf dem Thron.

Nicht nur englische Protestanten und katholische Iren standen sich fortan gegenüber - der Krieg entwickelte sich ebenfalls zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. und den Truppen von König Wilhelm. Der Kampf um die englische Krone wurde durch die berühmte Schlacht am Fluss Boyne am 1. Juli 1690 zugunsten des protestantischen „King Billy“ entschieden. Die französische Armee ihrerseits spielte nur eine untergeordnete Rolle. Noch heute gilt dieser Tag, durch die Änderung des Kalenders im 18. Jahrhundert auf den 12. Juli verlegt, als wichtigster Feiertag des protestantischen Ulsters. Auch drei Jahrhunderte später hat der mythische Sieg nichts an Ausstrahlung verloren: König Wilhelm lebt! Bei den traditionellen Oraniermärschen werden die Fahnen mit seinem Konterfei stolz durch die Straßen getragen.

Die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen fanden kein Ende und führten um 1795 zur Gründung des Oranierordens sowie der Aufstellung von protestantischen Bauernmilizen. Unter dem Impuls des englischen Premierministers William Pitt der Jüngere wurde 1801 eine staatliche Union zwischen Großbritannien und Irland geschaffen. Das Ende des irischen Parlaments und der Dubliner Exekutive war eingeläutet.

Regelmäßig kam es zu neuen Initiativen, um den schwelenden Konflikt einzudämmen. Hervorzuheben ist in erster Linie die im April 1886 unter dem britischen liberalen Premierminister William Eward Gladstone vorgelegte Home rule, die Irland eine Selbstverwaltung unter britischer Krone ermöglichen sollte. Bereits in erster Lesung wurde der Vorschlag aber abgelehnt.

Churchill will politische Teilung

Winston Churchill, damaliger liberaler Innenminister in Großbritannien, stattete Belfast im Februar 1912 einen Besuch ab, wo er allerdings nicht mit offenen Händen empfangen wurde. Ganz im Gegenteil. Ihm wurde der Zugang zu einer Veranstaltungshalle verwehrt und er musste die Stadt sogar auf einem geheimen Weg verlassen. Churchill vertrat die Idee, Ulster im Home-Rule auszuklammern, was eine politische Teilung Irlands zur Folge gehabt hätte. In Ulster bekämpften allerdings die Protestanten vehement das Vorhaben einer irischen Selbstregierung.

Nach dem Ersten Weltkrieg, der zwischenzeitlich für eine Unterbrechung gesorgt hatte, flammten die Auseinandersetzungen wieder auf. 1919 sprang der Guerillakrieg zwischen Großbritannien und der IRA nach Ulster über und sollte sich in der Folge zu einem grausamen konfessionellen Konflikt entwickeln. Dementsprechend wurde der Government of Ireland Act, wie die endgültige Fassung des Home-Rule-Gesetzes vom 23. Dezember 1920 hieß, im Vorfeld nur mit den Unionisten besprochen. Es ging hier um die Teilung Irlands. Mit der Eröffnung des Parlamentes in Belfast am 22. Juni 1921 durch König Georg V. und der Wahl von James Craig als Premierminister wurde der Grundstein des klar von den Unionisten dominierten nordirischen Staatswesens gelegt. Die katholisch-nationalistische Minderheit wurde bestenfalls geduldet und verweigerte die Anerkennung der Legitimation Nordirlands. Ihr Kampf galt weiterhin der Vereinigung mit dem Freistaat im Süden. Die 1916 gegründete IRA (Irish Republican Army) machte sich den Schutz der Katholiken Nordirlands im Bürgerkrieg 1920-22 und während der Unruhen von 1935 zu ihrer Sache.

Durch den Zweiten Weltkrieg vertiefte sich der Keil zwischen dem Süden und dem Norden, betrieben beide Staaten doch eine unterschiedliche Politik. Während Nordirland im Fahrwasser von Großbritannien schwamm, hielt Irland auf eine strikte Neutralität. Der Ireland Act aus dem Jahre 1949 unterstrich, dass Nordirland oder auch nur ein Teil immer zum Vereinigten Königreich gehören würde, die Zustimmung des nordirischen Parlamentes allerdings vorausgesetzt.

Um sich ein klareres Profil zu geben, startete der IRA-Armeerat im Dezember 1956 die Operation „Harvest“ und nahm dementsprechend seine gewalttätigen Handlungen gegenüber Polizisten in Ulster wieder auf. Zudem vollzog die Organisation eine marxistisch inspirierte ideologische Wende. Ihre im Dezember 1969 mit großer Mehrheit getroffene Entscheidung, die beiden irischen Regierungen de facto anzuerkennen, führte zu einer Abspaltung der Traditionalisten, die sich fortan Provisional Irish Republican Army (PIRA, auch als Provos bezeichnet) nannten. Ein örtlicher Kommandant der Provos war übrigens Gerry Adams, späterer Präsident von Sinn Féin, eine 1905 gegründete politische Partei, die noch heute einen wichtigen Bestandteil der politischen Landschaft darstellt und bei den Wahlen am vergangenen 8. Februar in Irland mit 24,5 % überraschend als stärkste Kraft hervorging. Dieses Resultat könnte zumindest so interpretiert werden, dass Irland 100 Jahre nach der Teilung allmählich aus dem Schatten der Vergangenheit austreten möchte.

Zwischen August und Oktober 1971 wurde Belfast erneut von vielen Bombenattentaten heimgesucht. Die Situation in Ulster war nun endgültig außer Kontrolle geraten. Als besonders dramatisch bleibt der „Bloody Sunday“ vom 30. Januar 1972 in Erinnerung, als 13 Demonstranten, unter ihnen etliche Teenager, getötet wurden. Im selben Jahr übernahmen die Briten wieder die Direktherrschaft in Ulster und im Sommer erreichte die militärische Kampagne der Provos die größte Intensität im Bürgerkrieg: Rund 95 Menschen starben bei 2.800 Schießereien und 200 Explosionen, wobei der „Bloody Friday“ am 21. Juli den Höhepunkt darstellte.

Karfreitagsabkommen von 1998 führt zum Durchbruch

Einen neuen Moment gab es in Hillsborough Castle am 15. November 1985, als die britische Premierministerin Margareth Thatcher, die am 12. Oktober 1984 einem Attentat entgangen war, und der irische Premier Garret FitzGerald das Anglo-Irish-Agreement unterschrieben. Zum ersten Mal seit der Teilung räumte eine britische Regierung der Republik ein Mitspracherecht bei der Verwaltung Nordirlands ein. Frieden sollte aber nicht einkehren. Das von der IRA verübte Massaker von Enniskillen am 8. November 1987 bei einer Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Zweiten Weltkrieges mit 11 Toten, rief eine große Bestürzung weltweit hervor. Trotzdem setzte die IRA Ende der 80er Jahre ihren Kampf unbeirrt weiter. Immerfort wurden Initiativen unternommen, um ein Ende des blutigen Konfliktes zu erreichen. Im Februar 1995 stellten der britische Premier John Major und der neue irische Premier John Bruton die sogenannten „Framework Documents“ vor. Und doch eskalierte am 12. Juli 1995 die Lage bei der traditionellen Parade des Oranierordens, dem Jahrestag der Schlacht am Fluss Boyne. Mit dem Einzug von Tony Blair am 1. Mai 1997 in die Downing Street 10 keimte wieder Hoffnung im Friedensprozess auf. Nachdem die IRA einem Waffenstillstand zugestimmt hatte, traten Sinn Féin und die UUP einem Allparteiengespräch bei. Die DUP (Democratic Unionist Party) boykottierte allerdings die Verhandlungen.

Am 10. April 1998, einem Karfreitag, unterbreitete Delegationsleiter Mitchell einen Vorschlag, der u.a. auch nach einer erfolgreichen Intervention von US-Präsident Bill Clinton schließlich auf eine breite Zustimmung stieß. Seither stellt er die Basis für einen mehr oder weniger dauerhaften Frieden dar. Das Abkommen sah die Errichtung eines Provinzparlamentes mit 108 Sitzen vor. Die DUP, welche noch die rezente britische Regierung von Theresa May unterstützt hatte, sprach sich 1998 gegen das Karfreitagsabkommen aus. Allerdings versuchte die IRA, durch einen Bombenanschlag im August 1998 den Friedensprozess zu zerstören. Diesem Attentat fielen 29 Tote zum Opfer, darunter eine werdende Mutter von Zwillingen.

Entlang der konfessionellen Grenzen bleibt Nordirland weiterhin eine tief gespaltene Gesellschaft. Die meisten Protestanten Nordirlands empfinden sich eher als Briten. Wenngleich das Karfreitagsabkommen Erfolge verzeichnete, so bleibt der Frieden aber bedroht, wie nicht zuletzt die Ermordung der Journalistin Lyra McKee in Londonderry im April 2019 durch die Neue-Ira bewies.

Zur Stabilisierung trug auch die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens und Irlands wesentlich bei. Die Zollunion und der EU-Binnenmarkt haben in den 1990er-Jahren die einst militärisch befestigte Grenze zwischen beiden Landesteilen verschwinden lassen. Doch nach dem Brexit könnte es wieder eine harte Grenze zwischen dem Nord- und Südteil Irlands geben. Für viele Nationalisten wäre das inakzeptabel. Oder es wird eine Zollgrenze in der Irischen See geschaffen, eine Option, die allerdings den Widerstand vieler Unionisten hervorrufen würde. Experten schließen zudem ein Referendum über eine mögliche Wiedervereinigung beider Länder nicht aus.

Die Zeit drängt, denn am 31. Dezember endet die Brexit-Übergangsfrist. Es naht also die Stunde der Entscheidung. Ein Wiederaufflammen des Nordirlandkonflikts muss jedoch mit allen Mitteln verhindert werden.


Bibliografie:

Berliner Morgenpost, 20. Dezember 2019

Otto Frank, „Der Nordirlandkonflikt“, Verlag C.H. Beck, 2014

Kinross John, The Boyne and Aughrim, Interprint Limited, Malta, 1998