DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Das „Charles Lloyd Quartet“ in Düdelingen

Schon nach wenigen Takten war es gewusst, dass es ein wunderbares, einmaliges Konzerterlebnis mit einem Charles Lloyd in Höchstform und einer perfekt aufeinander eingespielten Band werden würde.

Völlig losgelöst von seinem Image als besserer Smooth-Jazzer konnte der Kultsaxofonist der 1960er Jahre am Dienstagabend selbst eingefleischte Skeptiker von seinen Qualitäten als Vollender einer neuen Richtung im Modern Jazz, als Solist mit seinem intensiven Sound und als Bandleader mit seiner bewährten Mélange aus Avant-garde-Freiheiten und Anlehnungen an traditionelle Strukturen aus Blues und Folk restlos überzeugen.

Während der rund anderthalbstündigen Reise durch die unterschiedlichen Welten der modernen Jazzkultur bewies Lloyd, dass er ohne Zweifel in der Liga der großen Meister wie Sonny Rollins oder Wayne Shorter mitspielen kann und seine Erfahrungen mit der Fusionbewegung, an deren Popularisierung Lloyd bereits in den frühen 1970er Jahren maßgeblich beteiligt war, ermöglichen dem immer mystisch anmutenden Musiker noch heute eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Musikern einer jüngeren Generation.

Bereits 1966 erlangte er mit „Forest Flower“ einen Rekord von über einer Million verkauften Platten, eine für diese Zeit utopische Zahl im Jazzbusiness.

Solistische Wanderungen

Mitte der 1960er Jahre hat der legendäre Saxofonist mit seinem wegweisenden Quartett, zu dem Schlagzeuger Jack DeJohnette gehörte, die Keith Jarrett-Ära eingeleitet. Ein besonders ausgeprägtes Gespür für die Auswahl seiner Pianisten hat Lloyd danach noch mit mehreren Bands bewiesen, gehörten doch neben Jarrett, Michel Petrucciani, Bobo Stenson und Brad Mehldau zu seinen Crews.

Auch für seine momentane Europatour hat der Veteran einen exquisiten Klavierspieler, den 45 Jahre jüngeren Gerald Clayton engagiert. Dieser entpuppte sich im Lauf des Konzerts im Düdelinger Kulturzentrum „opderschmelz“ als besonderer Leckerbissen im vorbildlich ausgewählten musikalischen Menü, das der Leader, mit ausgewogener Gelassenheit, dem zahlreich erschienenen Publikum vorsetzte.

Clayton faszinierte mit sparsam dosierten, aber markanten Phrasierungen, einer besonders angepassten Begleittechnik und seinen solistischen Wanderungen zwischen Jazz und moderner Konzertmusik. Seine kurzweiligen, bestens konstruierten Dialoge mit dem meisterhaften Bassisten Joe Sanders sorgten für aufregende Momente, die den suitenartig aufgebauten Interpretationen ihren Stempel mit spannenden Einwürfen aufdrückten.

Zwei erfrischende Zugaben

Auch Schlagzeuger Eric Harland, einer der gefragtesten Drummer der aktuellen Szene, verblüffte mit den manchmal melodiös anmutenden klanglichen Aspekten seiner Begleitkunst und begeisterte mit mehreren glänzenden Soli, die seine Allroundtechnik quer durch den Garten der modernen Schlagzeugschulen bis zum Power-Drumming unterstrichen.

Lloyd selbst, der mit der Tradition der großen Bop-Saxofonisten aufwuchs, entwickelte am Anfang seiner Karriere seine Vorliebe für folkloristisch angehauchte Themen aus dem asiatischen Raum in exotisch anmutenden Eigenkompositionen zu seinem individuellen Markenzeichen, womit er noch immer eine zauberhafte Atmosphäre voller leuchtender Kontraste heraufbeschwört, die das Ausnahmekonzert im großen Auditorium des „opderschmelz“ zu einer brillanten Demonstration seines multikulturellen Spektrums machten.

Warum Lloyd lange Zeit als einer der wichtigsten Erben Coltranes gehandelt wurde, bewiesen seine lyrischen kadenzartigen Melodieläufe, besonders in den balladesken Aspekten seiner Improvisationen, die ihn mit lyrischen, sich ständig zwischen Tradition und zeitgenössischem Jazz abspielenden Passagen und seinem unüberhörbaren Hang zur Spiritualität seiner Rolle als „Meister der Ruhe und des Friedens“ gerecht werden ließ.

Als willkommenes Dessert bot das Quartett, diesmal mit dem Leader auf der Querflöte, zwei erfrischende Zugaben in bester Jam-Sessionmanier.


www.charleslloyd.com