LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Für die Ex-SREL-Spitze waren die „Bommeleeër“ „Stay Behind“ - Regierung war im Bild

Premier Jean-Claude Juncker und sein damaliger Budget-, Justiz-, Polizei und Verteidigungsminister Luc Frieden wurden Anfang 2006 über die „Stay Behind“-Theorie der Geheimdienstspitze im Zusammenhang mit den „Bommeleeër“-Attentaten ins Bild gesetzt, wie gestern Radio 100,7 und RTL Radio meldeten. Wenige Stunden später brachte die Verteidigung die Angelegenheit im „Bommeleeër“-Prozess vor.

„Stay Behind“ hoch drei

Am Ende eines Gesprächs über eine Geldwäsche-Affäre soll der ehemalige SREL-Chef Marco Mille die beiden Minister darüber informiert haben, dass es nicht ein, sondern drei „Stay Behind“-Einheiten gab. Und dass eine davon die Attentate geplant und durchgezogen hat. Es ist wohl davon auszugehen, dass Mille, sein Operationsleiter und der Anti-Terrorismus-Spezialist André Kemmer genügend Anhaltspunkte hatten, um diese Theorie aufzubauen. Nach der Hausdurchsuchung beim SREL 2003 durch die „Bommeleeër“-Ermittler haben sie die Akten aus den 1980ern wohl gründlich durchforstet. Das haben sie unseren Informationen zufolge auch bei späteren Verhören ausgesagt.

Dass die „Stay Behind“-Spur Juncker bestens bekannt war, ergibt sich aus dem im vergangenen November öffentlich gewordenen, Anfang 2007 heimlich aufgezeichneten Gespräch zwischen Juncker und Mille. Er habe mit niemandem dramatische Gespräche über die Attentate geführt, sagt Juncker da, „dat eenzegt wat ech hat, dat war mat dir, wéis du do deng Theorie entwéckelt hues mat dem.... Mille:.. Stay Behind-Réseau ... Juncker: WACL, Gladio an alles“. Ein weiteres Indiz, dass sich die Geheimdienstler verstärkt mit dem Thema beschäftigten, waren die Erklärungen von Ex-Agent André Kemmer vor Untersuchungsrichterin Doris Woltz, die ihn 2009 umfassend zur „Stay Behind“-Theorie befragt habe, wie Kemmer am 19. März in einem Brief an Me Gaston Vogel schrieb, in dem er ebenfalls verriet, dass der italienische Gladio-Strippenzieher Licio Gelli Anfang der 1980er in Luxemburg weilte.

Kurioserweise tauchte wenig später die Kopie eines Mikrofilms auf, in dem von Gelli und dessen Firma Chinon Holding die Rede geht. André Kemmer hatte am Dienstag vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Geheimdienst noch einmal von dem Meeting 2006 gesprochen. Ein Treffen, das offenbar auch heimlich aufgenommen wurde, wie unseren Informationen zufolge Zeugen vor dem SREL-Ausschuss bestätigten. Ob sie aber gelöscht wurde oder nicht, ist unklar. Vor allem stellt sich im Zusammenhang mit der SREL-Theorie aber die Frage, weshalb diese samt Anhaltspunkten nicht an die Justiz gemeldet wurde, die zu dem Zeitpunkt noch voll im „Bommeleeër“-Dossier ermittelte.

In Richtung „Stay Behind“-Spur ermittelten sie nicht. Die Erkenntnisse der Mille-Mannschaft - die auch die informierten Regierungsmitglieder hätten weiter geben müssen - hätten das wohl geändert.

Unseren Informationen zufolge wurde auch der parlamentarische Geheimdienstkontrollausschuss, der 2008 einen Bericht über den SREL und „Stay Behind“ anfertigte, nicht von Marco Mille über dessen Theorie informiert. Bei ihren Recherchen wären die Ermittler unweigerlich auch auf Gérard Reuter gestoßen. Der 1999 geschasste Präsident des Rechnungshofs und spätere Rechtsanwalt, dem Verwicklungen in einige Finanzaffären nachgesagt werden, weiß offensichtlich viel über den SREL, dessen Finanzen er jahrelang kontrollierte.

SREL zahlte Miete für gut informiertenEx-Rechnungshofchef

Im RTL Radio sagte Reuter, der übrigens vorgibt, von Licio Gelli oder dessen Sohn im Rahmen von Finanzgeschäften kontaktiert worden zu sein, gestern: „Déi Zäit ass gesot ginn, datt do wahrscheinlech d’CIA géif eppes an Europa gär ënnerhuelen, nodeem datt si anscheinend zu Bologna schonn déi ënnerholl haten, datt d’CIA eppes misst opriichten iwwerall, datt déi Angscht, datt de Kommunismus sech géif méi ausbreeden... dat ass alles wat ech do gesot krut déi Saachen... datt de Kommunismus amgaangen ass sech auszebreeden, datt do ierjendwéi eng Struktur géif bestoen oder misst bestoen, déi do géif d’Leit e wéineg gewinnen un esou Detonatiounen an sou Saachen, sou datt d’Leit amfong géife vill méi dofir suergen, datt nëmme keen, net weider de Kommunismus sech géif hei installéieren.“ Und dann noch das: Reuter gab an, dass die Miete seiner Wohnung in Bascharage vom Geheimdienst finanziert wurde... und heute von Sandstone S.A., der „Business Intelligence“-Firma des Ex-SREL-Operationsleiters Frank Schneider. Der Premier habe Schneider aufgetragen, die Miete weiter zu zahlen, da seine Firma ja ein Darlehen der Staatsbank SNCI bekam. Wollte hier jemand Reuter, der schon länger in finanziellen Schwierigkeiten steckte, ruhig stellen? Weiß der Mann zu viel? Mehr auf Seite 23