CORDELIA CHATON

Ja, Boris Johnson hat die Wahlen in seiner Tory-Partei haushoch gewonnen und ist jetzt Premierminister von Großbritannien. Die Kehrseite: Er ist Chef einer Regierung mit einer äußerst wackeligen Mehrheit, die jederzeit zerbrechen kann. Zumal Bum-Bum-Boris nicht gerade für verbale oder sonstige Zurückhaltung bekannt ist. Wenn es Neuwahlen gäbe, wäre sein Stuhl nicht mehr sicher.

Ohnehin ist es ein wackeliger Sitz. Selbst wenn Brexit-Boris wie großmaulig verkündet am 31. Oktober den Brexit mit einem No-Deal durchzieht, hat er einen schlechten Job gemacht. Denn das dient seinem Land nicht. Die Rezession ist schon jetzt absehbar. Für viele Briten, die für den Brexit gestimmt haben, wird es ein böses Erwachen geben.

Jene, die in Nordirland leben, werden sich daran erinnern, dass ihnen per Vertrag die Möglichkeit einer Abstimmung über eine Wiedervereinigung mit Irland zusteht. Und je schlechter es London geht, je weniger Geld London nach Belfast schickt, desto attraktiver wird diese Variante. War früher Irland das katholische Armenhaus, so hat sich das - vor allem auch mit Hilfe der EU - grundlegend geändert. Die Schotten werden sich ohnehin erneut lossagen wollen. Eine Grenze könnte durchs Land verlaufen. Fazit: Vom United Kingdom bleibt ein Rest, den man kaum mehr Reich und schon gar nicht reich nennen möchte.

Johnson, der genau wie sein Politfreund Donald Trump in New York geboren ist, hat teuerste Schulen besucht, die sein Vater mit dem bei der EU verdienten Geld bezahlt hat. Er hat den Polit-Clown und Stänkerer gegeben. Doch als Premier kommt ihm eine andere Rolle zu. Er muss einen, zumal die Briten als Volk nie so gespalten waren wie jetzt. Und genau das kann Johnson nicht. Er versteht sich auf Lügen, Witze und Sprüche. Wahrheit, Wirklichkeit und Verhandlungen sind sein Ding nicht.

In Brüssel wird niemand zu sehr auf ihn zeigen, schließlich war die Ernennung von Ursula von der Leyen auch nicht gerade das, was man ein demokratisches Musterbeispiel nennen könnte. Aber nachgeben wird man auch nicht. Und sollte Johnson seine Drohung über die Nichtzahlung von 44 Milliarden Euro wahr machen, wird das böse Folgen haben.

Also wird Johnson die Nähe zu Trump suchen, in dem Irrglauben, dass dieser ihm helfen würde. Doch alles, was man von Trump bei Twitter nachlesen kann beweist: Sein Geschwätz von gestern interessiert ihn heute nicht. Er will „America first“ durchziehen. Und da passt es schlecht hinein, wenn die ehemaligen britischen Herren der USA, mit denen es erbitterte Kämpfe gab, auf einmal geldwerte Vorteile erhalten sollen. Das kann Trump zu Hause nicht gut verkaufen. Deshalb nützt es auch nichts, dass die beiden Frisurvorlieben teilen und britische Diplomaten wissen, was ihnen droht, wenn sie nicht nach Johnsons Pfeife tanzen.

Am Ende wird Johnson Premier eines zerrissenen Landes sein, von dem einzelne Teile abfallen und das vor Neuwahlen steht, die doch keine Erleichterung bringen. Selbst ein neues Referendum ist Öl auf der bürgerkriegsähnlichen Debatte. Und das britische Direktwahlrecht besorgt den Rest der Frustration. Ja, Johnson ist Premier. Aber wohl weder lange noch glücklich.