LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

„Le Tout Nouveau Testament“ von Jaco Van Dormael

Mit „Toto le héros“ (1991) und „Le huitième jour“ (1996) machte Regisseur Jaco Van Dormael das belgischen Kino international wieder salonfähig. Mit dem ersten Film gewann er unter anderem die „Caméra d’Or“ in Cannes und den „César“ des besten ausländischen Films, mit dem zweiten war er für den Golden Globe nominiert.

Das Schauspieler-Duo Daniel Auteuil und der am Down-Syndrom erkrankte Pascal Duquenne aus „Le huitième jour“ wurden in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Mit der französisch-belgisch-luxemburgischen Koproduktion „Le Tout Nouveau Testament“ wirft er einen ironischen Blick auf den Glauben im 21. Jahrhundert.

Gott lebt

Wer sich Gott als ein Geschöpf in einem weißen Gewand vorstellt, irrt gewaltig. Gott (Benoît Poelvoorde) hat einen zerknitterten Bademantel an und latscht in Sandalen durch seine Wohnung im letzten Stock eines Appartementhauses in Brüssel. Er schreibt idiotische Gesetze an seinem veralteten Computer, raucht, trinkt und tyrannisiert seine Frau (Yolande Moreau), die kaum ein Wort spricht, und seine Tochter Ea (Pili Groyne).

Eas Bruder Jesus (David Murgia) lebt, steht aber als Statue in ihrem Zimmer. Nach einem Streit mit Papa sendet Ea die Todesdaten via SMS an alle Menschen. Um dem Groll des Vaters zu entkommen, flüchtet sie und versucht, so wie es ihr Bruder geraten hat, ein neues Testament zu schreiben. Dafür braucht sie sechs Menschen - Apostel. Sie begegnet unter anderem dem Clochard Victor (Marco Lorenzini), der das Testament schreibt, François (François Damiens), Martine (Catherine Deneuve), die sich in einen Gorilla verliebt, Aurélie (Laura Verlinden), die eine Armprothese hat, und dem jungen Willy (Romain Gelin), der lieber ein Mädchen wäre. Ihr gelingt es, dass sich diese Menschen ihre geheimen Wünschen in der kurzen Zeit, die ihnen noch verbleibt, erfüllen. Natürlich lässt sich Gott dies nicht gefallen und verfolgt sie.

Wenn der Glaube endet

Als die Menschen die Zeit ihres restlichen Lebens schriftlich mitgeteilt bekommen, ist ihnen alles egal. Die religiöse, soziale und politische Ordnung bricht zusammen, weil viele die letzten Momente ihres Lebens nutzen, um noch das zu machen, was sie verpasst haben.

Kevin (Gaspar Pauwels) zum Beispiel verbleiben noch 62 Jahre, und deshalb überlebt er alle seine Selbstmordversuche - man sollte auch bis zum allerletzten Bild bleiben, um zu erfahren was aus ihm wird. Ea gelingt es, den Menschen noch ein bisschen Freude zu geben, ehe sie sterben, etwas, was ihr Vater ihnen nicht geben kann. Wenn der Glaube fehlt, endet auch die Herrschaft jeder Religion.

Van Dormaels Film ist aber kein Plädoyer für die Kirche, sondern für die Menschlichkeit, die jeder wieder entdecken sollte. Er nimmt auch kein Blatt vor den Mund, und der Zuschauer kann oft über lustige Szenen lachen, die sich am rabenschwarzen britischen Humor inspirieren. Somit ist „Le Tout Nouveau Testament“ ein überaus sehenswerter Film, der von Juliette Films mit finanziert wurde, und der in Cannes in der Quinzaine des Réalisateurs lief.

Pascal Duquenne ist übrigens in einer Nebenrolle zu sehen. Luxemburg ist neben Lorenzini durch die Schauspieler Jérôme Varanfrain, Luc Schiltz, Jean-François Wolff und Gabriel Boisante vertreten. In kleinen Rollen entdeckt man auch die Altbekannten Hervé Sogne und Norbert Rutili.