PATRICK WELTER

Was die einen für technischen Fortschritt halten, ist für die anderen der technologische Gottseibeiuns. Stichwort „Gen-Mais“. Debatten über den Sinn oder Unsinn von genmanipulierten Pflanzen haben mittlerweile den Rang von Glaubenskriegen erreicht. Auch in Brüssel.

Die Gen-Mais Debatte in dieser Woche zeigte auch wie „demokratische“ Prozesse innerhalb der EU ablaufen. Nach dem Europaparlament ist auch eine Mehrheit von Staaten gegen die Zulassung einer genmanipulierten Maissorte. Die Mehrheit ist nach EU-Standards aber nicht qualifiziert und daher hinfällig. Die Entscheidung liegt in der Folge bei der EU-Kommission, die den Mais freigeben kann. Allerdings steht es jedem EU-Mitglied frei, diesen „Gen-Mais“ im eigenen Land zu verbieten…

Ist sich eigentlich irgendwer in Brüssel im Klaren darüber, dass durch diesen juristischen Eiertanz, der mit normalem Menschenverstand nicht nachvollziehbar ist, das Verständnis für die EU bei Jean Normalbürger immer weiter sinkt? Was Bürokraten für normal halten, gilt außerhalb Brüsseler Mauern als gemeinhin schwachsinnig. Egal ob es um Gen-Mais oder grüne Bohnen geht.

Der Mais, um den sich die verdrehte Debatte rankte, wird in Spanien und Tschechien bedenkenlos angebaut, in Deutschland, Österreich, Luxemburg und anderswo gefürchtet. Sind die einen industriehörige Trottel oder die anderen romantisierende Fortschrittsverweigerer? Eines steht fest: Wer sich nicht konsequent vom Ökohof seines Vertrauens ernährt, der wird schon mehr als ein künstlich geschaffenes Gen verspeist haben. Die Anti-Fraktion verweist immer darauf, dass die Industrie keine ausreichenden Studien zur Sicherheit der gentechnisch umgebauten Pflanzen vorlegen kann. Sicherheit in dem Sinn, dass neben dem ausgewählten Zielobjekt (Schädling oder Pilz), keine anderen Tiere oder Pflanzen gefährdet werden. Gesundheitliche Folgen für den Menschen müssen auch ausgeschlossen sein. Nach Meinung der GMO-Gegner ist dieser Beweis bisher nicht erbracht worden. Andererseits ist der definitive Gegenbeweis, dass GMO für Umwelt und Mensch biologisch gefährlich sind, auch noch nicht vom Labortisch gefallen. Da also wissenschaftlich ein Patt herrscht, wird umso inbrünstiger gestritten, mit allen Zutaten eines Glaubenskriegs.

GMO sind wirklich gefährlich, aber aus einem völlig anderen Grund. Sie sind eine soziale Zeitbombe, die in einigen Entwicklungsländern schon mit Getöse hoch gegangen ist, so beim genveränderten Reis. Die Erträge mögen gestiegen sein, aber die Abhängigkeit vom Hersteller des Saatgutes ist es noch viel mehr. Selber Saatgut ziehen ist nicht mehr - die GMO sind nicht fortpflanzungsfähige Hybride. Für die Bauern, insbesondere für Kleinbauern in der Dritten Welt heißt es: Einmal GMO, immer GMO. Der Traum aller Konzerne: Eine langfristige Kundenbindung, aus der sich der Bauer in Indien nicht mehr befreien kann.

In Europa dürfte die Gefahr der ewigen Abhängigkeit nicht so groß sein. Lohnt es sich für einen Mehrertrag oder einen Arbeitsgang weniger, sich auf ewig an einen Lieferanten zu ketten? Bieten natürliche Zucht und Auswahl von Pflanzen nicht genug Möglichkeiten, den landwirtschaftlichen Ertrag zu steigern und den Einsatz von Giften zu reduzieren? Ich denke schon.