LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Intensiv, aber nur bedingt mitreißend: „Tom auf dem Lande“ im Kapuzinertheater

Zu laut. Definitiv zu laut. Eigentlich sollte man eine Theaterkritik ja nun nicht gleich mit einem Fazit beginnen, aber in diesem Fall hallt das gewaltige Stimmorgan von Pitt Simon am Tag nach der Premiere von „Tom auf dem Lande“ noch immer in unserem Ohr wider... Um den klassischen Aufbau zu wahren, wollen wir dennoch auf Anfang zurückspulen. Klassisch aufgebaut ist das Stück aus der Feder von Michel Marc Bouchard, das derzeit in einer Inszenierung von Max Claessen im Kapuzinertheater zu sehen ist, allemal. Zu Beginn ahnt man nicht, welch überraschende dramatische Wendung Toms Besuch in der Provinz nehmen wird. Dass auf der Bühne keine idyllische Heimatgeschichte zwischen sattem Grün, duftenden Blumen und grasenden Kühen erzählt wird, worauf der Titel möglicherweise schließen lässt, ist indes sofort klar. Nicht nur der Titel ist trügerisch.

Actiongeladene Szenen im Guckkasten

Das Bühnenbild von Mirjam Benkner ist ebenso minimalistisch wie genial. Als Zuschauer blickt man in eine Art Guckkasten, in dem sich das actiongeladene Hauptgeschehen zwischen strahlend weißen Kulissen abspielt, derweil vor der hinteren, schwarz gestrichenen Bühnenwand ein Tisch mit Mikrowelle, zwei Stühle und eine Stehlampe ihr nebensächliches Dasein fristen. Meist sitzt die Mutter (Christiane Motter) in ihrer Strickjacke und den Gummistiefeln stumm vor sich hinblickend auf einem der Stühle.

Tom (Konstantin Rommelfangen) und sein Ledermantel passen nicht ins Bild. Seine eloquente Ausdrucksweise ebenso wenig. Tom ist Städter, adrett gekleidet, erfolgreich im Job und schwul. Auf der Beerdigung seines überraschend verstorbenen Lebensgefährten soll er die Grabrede halten. So will es Mutter Agathe. Allzu schnell muss Tom schmerzlich feststellen, dass bislang niemand von seiner Existenz wusste, geschweige denn von der Homosexualität des Verstorbenen. Agathe hatte eigentlich dessen Freundin Ellen erwartet, die aber, wie sich bald herausstellt, nur eine Erfindung des Bruders ist. Francis (Pitt Simon) wusste nämlich sehr wohl von der Homosexualität des Toten. Um die Illusion zu wahren, darf die Wahrheit nicht ans Licht. Offene Homophobie, die sich in brutaler Gewalt entlädt, schlägt Tom entgegen. Derweil wird er von der Mutter regelrecht aufgesogen, nur um am Ende als undefinierbares, dem Wahnsinn nahes Bündel wieder ausgespuckt zu werden.

Wortmächtiges Wechselspiel

Nicht weniger als 110 Minuten lang durchlebt das Publikum ein blutig-brutales Psychodrama, dargeboten in Form eines rasanten Wechselspiels zwischen wortmächtigen Dialogen und flinkzüngigen Monologen, in denen Tom seine oder die Situation immer wieder laut reflektiert. Die Handlung wird dadurch ständig durchbrochen. Gelegentlich flammt Leidenschaft auf, kommt es zu erotisch angehauchten Episoden und wird immer mal wieder eine Prise zynische Komik beigefügt. Doch die Verschnaufpausen sind stets von kurzer Dauer. Ohrenbetäubendes Geschrei, wilde Raufereien, rabiates Wälzen auf dem Boden und spritzendes Blut verhindern ein Durchatmen. Als mit dem Auftritt der vierten Protagonistin Sara (Gintare Parulyte) schließlich auch noch die letzte Lebenslüge aufgedeckt wird, steuert das Stück unaufhaltsam auf sein tragisches Finale zu.

Klischees, die man in Zusammenhang mit Homosexualität hätte erwarten können, werden nicht bedient, genauso wenig wie mit dem moralischen Zeigefinger herumgewedelt wird oder Gesellschaftskritik mitschwingen würde. Richtig emotional berührt fühlt man sich eigentlich zu keinem Moment.

Ordentliches Spiel ohne Bestnoten

Konstantin Rommelfangen, der anfangs doch etwas (zu) zurückhaltend agierte, fand im weiteren Verlauf immer besser ins Spiel und verstand es schließlich, seinen Part zwischen Wahnsinn und sensiblem Jungen, der ihm sicherlich einiges abverlangte, überzeugend zu meistern. Derweil ging Pitt Simon ab der ersten Szene komplett in seiner Rolle auf, explodierte regelrecht und übertrieb es zuweilen dann doch etwas. Christiane Motter war zweifellos die perfekte Besetzung für die trauernde und zugleich kühl wirkende Mutter. Und Gintare Parulyte spielte genau die Person, die Tom anfangs beschrieben hatte, wenngleich man sich über ihren perfekten englischen Akzent wundern durfte, wo sie doch angeblich „Englisch wie eine spanische Kuh“ sprechen sollte.

Richtig packend war das Ganze am Ende dann aber leider doch nicht. Und zu laut. Definitiv zu laut.

„Tom auf dem Lande“, eine Koproduktion mit dem Staatstheater Saarbrücken, wird am noch am 18., 21. und 28. November jeweils um 20.00 im Kapuzinertheater gespielt. Am 21. November wird ein Nachgespräch mit „Rosa Lëtzebuerg-Cigale“ geboten. Tickets unter www.lestheatres.lu oder www.luxembourgticket.lu