COLETTE MART

Die Veränderung eines politischen Führungsstils am Beispiel von Angela Merkel ist das Thema einer durchaus interessanten Analyse, die „Die Zeit“ letzte Woche unter dem Titel „Die Kunst der Effizienz“ veröffentlichte. Hier wird versucht, Begriffe wie Brutto- und Nettopolitik zu erklären, und darüber hinaus weibliche und männliche Führungsstile miteinander zu vergleichen. Mit Bruttopolitik wäre demgemäß die Summe all dessen zu verstehen, was Politik im Alltag ausmacht. Grabenkämpfe, Rivalitäten, Eitelkeiten, Revanchen, Mobbing, stehen als zeitraubende Phänomene einer Fokussierung auf das Wesentliche, nämlich die Interessen der Bürger, im Wege.

Mit Nettopolitik ist das Augenmerk auf politische Ziele und Anliegen gemeint, auf das Vorwärtskommen in wichtigen gesellschaftlichen Fragen, wie zum Beispiel Vollbeschäftigung, Reduzierung der Armut, Demokratisierung der Bildung, Integration aller Nationalitäten, Abbau der Vorurteile zwischen Männern und Frauen, Generationen und Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Im Bezug auf die deutsche Politik und die Ära Merkel wird gesagt, dass die Politik als traditionelle Männerdomäne immer sehr viel Zeit an die Grabenkämpfe verlor, auch schon allein deswegen, weil hinter jedem erfolgreichen Politiker meistens eine Frau steht, die für die Familie gerade steht, so dass den Männern viel Zeit für ihre Bruttopolitik bleibt.

Im Rahmen dieser Überlegungen lohnt sich ein Blick auf die Luxemburger Politik. Inwiefern verlieren sich führende Politiker in Luxemburg in der Bruttopolitik, und was kommt schlussendlich als Netto beim Bürger an? Tatsache ist, dass das Postengeschacher nach jeder politischen Wahl sehr viel Platz in unseren Medien einnimmt, da die Luxemburger allgemein sehr interessiert daran sind, wer welchen Posten bekommt und wie sich Politiker verkaufen. Die Image-Pflege bleibt also ein wichtiger Aspekt der Luxemburger Politik, und es wird durchaus gern darüber gesprochen, wie stimmig Politiker herüberkommen und wie sie gekleidet sind, derweil konkrete Resultate oft schwerer zu analysieren sind. Der effiziente Fortschritt in einem politischen Dossier hängt dann auch sehr oft mit einem gelungenen Dialog zwischen Politik und Verwaltung zusammen, derweil dieser durchaus auch mit Rivalitäten und Grabenkämpfen verbunden ist.

Der führende Beamte erlebt sich selber als Fachmann einer Akte, muss sich jedoch mit der Politik arrangieren, und der Politiker analysiert nicht nur die Akte als solche, sondern auch deren Effekt auf den Bürger, sowie die Reaktion der Wähler. Ein gesunder Kompromiss zwischen der politischen und der administrativen Macht sind also die beste Voraussetzung für eine gute Nettopolitik.

Allerdings weiß jeder führende Politiker, dass er bis zu diesem Nettoresultat die Grabenkämpfe mit politischen Gegnern, Rivalen, und auch den Dialog mit der Verwaltung durchstehen muss, ansonsten er nachher gar nichts aufzuweisen hat. Demnach wird die Bruttopolitik in unserer sozialen Realität verankert bleiben, es sei denn, eine völlig neue Politikergeneration wächst heran, der es gelingen wird, das Interesse der Wähler ausschließlich auf den sozialen Fortschritt zu lenken.