LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Kunstprojekt „Window Loving“: Schöne Momente für die Bewohner einer Seniorenresidenz

Frédérique Buck hat den Bürgersteig vor der Seniorenresidenz „Belle-Vallée“ in Hollerich zur Bühne erklärt. „Window Loving“ nennt sich das Kunstprojekt, in dessen Genuss die 26 Residenzbewohner seit kurzem zweimal wöchentlich kommen. Unterschiedliche Performances von mehreren Künstlern stehen auf dem Programm, um den Senioren in Corona-Zeiten Momente der Freude zu bereiten.

Frédérique Buck dürfte man durch Projekte wie „I am not a refugee“ (2016) oder den Film „Grand H“ (2018) kennen. Den Dokumentarfilm. „La Nuit, je rêve“ über das Alter, den Erinnerungsverlust, Liebe und Trauer drehte sie derweil 2019 im Fahrstuhl der „Résidence Belle-Vallée“, weshalb sie auch „Window Loving“ dort ansiedelt. In den Vordergrund stellen will sie sich aber so gar nicht. „Ich mache an sich wirklich nicht viel. Lediglich die Idee habe ich entwickelt und das Ganze ans Laufen gebracht. Alles andere, also das Wichtigste, machen die beteiligten Künstler“, unterstreicht sie.

Besonders isoliert

Wie kam es zu der Idee? „Seit dem Anfang der Pandemie ist mir aufgefallen, wie schnell viele Unternehmen gehandelt und neue Dienste angeboten haben. Dieser ganze Aufschwung hat mich beeindruckt, und ich habe mich gefragt, welchen Beitrag ich leisten könnte. Da ich letztes Jahr diesen Dokumentarfilm in der Residenz gedreht und dabei eine Beziehung zu den Bewohnern aufgebaut habe, bot sich genau dieser Ort an. Seit dem Beginn der Corona-Krise habe ich viel an die Senioren gedacht, die ja schon in normalen Zeiten sehr isoliert sind und jetzt auch noch ohne Besuche auskommen und mit der Angst einer möglichen Infektion leben müssen. Das hat mich sehr beschäftigt, deshalb wollte ich etwas tun, um ihnen zumindest ein paar schöne Momente zu ermöglichen“, erklärt die Initiatorin. Eine Lösung, um die Sicherheitsbestimmungen zu respektieren, war bald gefunden: Den Bürgersteig vor der Seniorenresidenz kurzerhand zur Bühne machen und die Bewohner von ihren Fenstern aus zuschauen lassen.

Angepasstes Programm

Sie kontaktierte einige ihrer Künstlerfreunde, um ihnen Auftritte vor der Residenz vorzuschlagen. Die Resonanz war positiv, sodass schnell Kunstschaffende für zehn Darbietungen, die speziell auf das dritte Alter ausgerichtet sind, gefunden waren. „Wichtig erschien mir, etwas aus verschiedenen Bereichen zu bieten, also Gesang, Musik mit verschiedenen Instrumenten, Tanz, Lesungen oder narrative Performances“, informiert Frédérique Buck. Vorgaben gibt es selbstverständlich nicht. „Einige der Künstler haben bereits Erfahrung mit dieser Publikumsschicht. Alle haben Performances vorgeschlagen, die speziell auf das dritte Alter zugeschnitten sind. Der Opernsänger Jean Bermes hat etwa traditionelle luxemburgische Lieder gesungen, die älteren Menschen ja bestens bekannt sind“, führt sie weiter aus. Seit dem 17. April werden zweimal pro Woche Vorstellungen von jeweils einer halben Stunde geboten. „Wann das ist, werden wir nicht öffentlich mitteilen, um zu verhindern, dass plötzlich zu viele Leute auf dem Bürgersteig stehen und die Distanzen nicht mehr respektiert werden können. Wer aber zufällig vorbeigeht, darf natürlich zuschauen“, sagt sie.

Zwei Performances sind bereits über die Bürgersteigbühne gegangen: Jean Bermes hat sein luxemburgisches Liederrepertoire geboten und Ayodele Oriade, eine in Luxemburg lebende nigerianische Tänzerin, hat auf Englisch und Luxemburgisch gesungen. Ein erstes Fazit? „Wir wussten natürlich nicht, wie die Bewohner reagieren würden. Ich finde es etwas überheblich, zu denken, dass jeder Mensch ein solches Kunstprojekt direkt positiv aufnimmt. Die Realität der älteren Personen ist eine andere, und sie sind nicht alle auf dem gleichen ansprechbaren Niveau. Manche Bewohner sind sehr fit, andere dagegen leiden an ersten oder fortgeschrittenen Demenzerscheinungen oder haben sonstige altersbedingte Krankheiten. Wir sind einfach mit ganz viel Spontanität hingegangen, und die meisten Senioren saßen dann auch tatsächlich an den Fenstern, haben gewunken und applaudiert. Von der Direktorin hieß es nachher, verschiedene Leute, die normalerweise nicht so ansprechbar oder für sehr wenig zu begeistern sind, hätten erstaunlicherweise sehr gut reagiert. Das freut uns. Es ist schön, wenn wir ihren Alltag mit diesem Projekt vielleicht ein klitzekleines bisschen erleichtern können“, freut sich Frédérique Buck.

Künstler brauchen Publikum

Die Frage nach der Entlohnung für die Künstler habe sich natürlich auch gestellt. „Das gehört sich so, wenn man eine künstlerische Leistung bietet. Deshalb habe ich das Kulturministerium kontaktiert, wo man sehr reaktiv war und schnell eine finanzielle Unterstützung zugesagt hat. Die meisten Künstler hätten wohl auch ohne Bezahlung mitgemacht, weil sie es einfach als ihre Berufung sehen, vor einem richtigen Publikum zu spielen, was momentan ja nicht möglich ist“, erzählt Frédérique Buck.

Bis zum 20. Mai wird das „Window Loving“-Programm nun voraussichtlich noch weitergeführt. Es auch in anderen Alters- und Pflegeheimen anzubieten, sei zwar nicht geplant, zumindest aber nicht komplett ausgeschlossen. „Unmöglich ist es nicht. Ich mache das aber nun auch nicht professionell, sondern über die Asbl Grand H, die ich mitgegründet habe. Würde jetzt eine andere Seniorenresidenz an uns herantreten, könnten wir sicherlich auf die Nachfrage reagieren. Ich selbst habe jedoch noch andere Verpflichtungen“, berichtet sie. Als freischaffende Konzepterin und Redakteurin im Bereich Erstellung von Inhalten für die Medien hat zwar auch sie im Moment weniger Aufträge, dafür arbeitet sie aber gerade an ihrem nächsten Film. „Das nimmt relativ viel Zeit in Anspruch. Es handelt sich um einen Hybrid-Kurzfilm zum Thema Migration, vom Film Fund finanziert und von ,Paul Thiltges Distributions´ produziert - eine Fiktion, in die wir teilweise auch Animation einbauen. Drehstart soll im August sein. Die ganze Phase der Vorproduktion bedeutet aber auch viel Arbeit. Trotzdem bleibt mir genug Zeit für dieses Projekt. Wenn man kreativ ist, wird man ungeduldig, wenn man nichts machen kann, deshalb sind wir alle froh, dass wir dies nun auf die Beine stellen konnten“, freut sie sich.

Kreativ trotz Corona

Nach ihrer Einschätzung zur aktuellen Situation in der Kulturszene gefragt, gibt Frédérique Buck an, nicht für jeden sprechen zu können, viele hätten es wohl schwer, dennoch könne sie sich vorstellen, dass viele Kunstschaffende die Zeit nutzen, um neue Ideen auszuarbeiten. „Als Künstler hat man immer wieder eine ganze Phase, in der man Projekte entwickelt und dann auch eher abgeschirmt und für sich allein arbeitet. Jeder Performance, jedem Theaterstück oder Lied geht stets eine intensive Periode der Entwicklung voraus“, weiß sie. Dass etliche Künstler momentan sehr kreativ sind, beweisen letztlich die vielen Initiativen, die trotz Corona entstanden sind. „Wenn jeder das tut, was er am besten kann, dann können viele schöne Sachen entstehen, auch in dieser Zeit“, meint Frédérique Buck voller Zuversicht.

WINDOW LOVING

Beiträge der Künstler

Milla Trausch (Schauspiel und Querflöte) im Duo mit Jean Bermes (Klavier), André Mergenthaler (Cello), Natasa Grujovic (Akkordeon) mit Charles Vincent, Betsy Dentzer (Märchenerzählung), Véronique und Yann Kinnen (Lieder von Edith Piaf), Emanuela Iacopini und Rajivan Ayyappan (Tanz- und Gesangsperformance), Sophie Langevin (Gedichtlesung), Jean Bermes (luxemburgische Lieder), Gintare Parulyte (narrative Performance, eigene Kreation) und Ayodele Oriade (Gesang).