LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

„Luxemburg zieht Menschen mit komplexen Biographien wie ein Magnet an“

In Luxemburg treffen jeden Tag unzählige Nationalitäten und Sprachen aufeinander. Sei es in der Schule, im Büro oder daheim. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich Elke Murdock seit dem Jahr 2001. Die kulturvergleichende Psychologin untersucht, wie Menschen diese multikulturelle Gesellschaft erleben und mit den Kehrseiten zurechtkommen. Murdock hat unter anderem Auslandserfahrung in den USA und in Großbritannien gesammelt und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut INSIDE der Uni Luxemburg.

Sie sind seit 2001 in Luxemburg. Wie ist Ihnen die Vielsprachigkeit aufgefallen?

Elke Murdock Ich bin aus England hergezogen, dort hatte man mich noch gefragt, ob es nicht zu anstrengend für meine kleinen Kinder sei, wenn sie gleichzeitig Deutsch und Englisch lernen. 2001 kam ich her und auf dem Spielplatz hier war die erste Reaktion einer Mutter mit internationaler Biographie „Und wann lernen die Kinder denn Französisch?!“. Das ist eine typische Erfahrung für Luxemburg - jemanden zu treffen, der in verschiedenen Ländern gelebt hat und das Beherrschen verschiedener Sprachen für selbstverständlich hält. Ich empfinde das als positiv und ist eben auch ein Grund dafür, warum ich hier so gerne lebe.

In Luxemburg gibt es einen Ausländeranteil von 44 Prozent und viele verschiedene Nationalitäten: Wie besonders ist das eigentlich?

Murdock Ich forsche seit 2001 zu Multikulturalismus und Identität und wenn ich auf internationale Konferenzen gehe und diese 44 Prozent erwähne, dann erregt das immer große Aufmerksamkeit, denn es ist eine der höchsten Raten der Welt. Das ist schon besonders und vor allem reale Lebenswelt.

Welche Chancen bringt dieser Multikulturalismus für junge Leute mit sich?

Murdock Ich habe verschiedene Studien zu Identität, Persönlichkeit, Sprache und Vielsprachigkeit gemacht. In einer Studie zu Identität und Sprache konnte ich zum Beispiel zeigen, dass sich die jungen Erwachsenen klar als Luxemburger identifizierten, aber eben als vielsprachige, auch wenn die Sprachen nicht gleich gerne gesprochen werden. Bei mehrsprachigen Jugendlichen gibt es Unterschiede, inwieweit die Sprachen verinnerlicht und Teil der Persönlichkeit werden. Für manche ist der Wechsel auch eine Last, aber für die, die Sprachen tief verinnerlicht haben, ist das Switchen zwischen Sprachen mühelos und selbstverständlich. In einer anderen Studie zu Multikulturalismus wurde die Aussage, dass es gut sei, dass in Luxemburg Menschen so vieler Nationen leben, von der Mehrheit bejaht. Und das ist beachtlich! Die Geister scheiden sich nur an der Partizipation und deren Umsetzung.

Welche Probleme birgt der Multikulturalismus?

Murdock Bei denjenigen, die Kulturkontakt oder einen gemischten Freundeskreis haben, ist ein erster Schritt gemacht. Man öffnet sich sozusagen für eine plurale Gesellschaft und je gemischter der Freundeskreis desto positiver die Einstellung dazu. Es gibt aber auch Menschen, die diesen Kontakt nicht suchen. Das ist auch ok so, solange man einen respektvollen Umgang miteinander praktiziert. Letzteres hängt vor allem auch davon ab, wie ich Nationalität sehe. Menschen, die glauben, dass Nationalität über die Herkunft bestimmt wird, haben eher Schwierigkeiten damit, dass man mehrere Nationalitäten haben kann und letztlich dann auch mit der multikulturellen Gesellschaft.

Wenn bestimmte Luxemburger, Portugiesen, Franzosen oder Deutsche unter sich bleiben und als geschlossene Gruppen leben, leben sie nicht an der Realität der Vielsprachigkeit vorbei?

Murdock Das Zusammenfinden in einer Gruppe mit der gleichen Sprache kann eine große Stütze zur Integration darstellen - sozusagen als ein vertrautes Terrain, bevor man den nächsten Schritt wagt. Man bewegt sich ja auch in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen: Schule, Freizeit, Zuhause, Arbeit. Daheim verbindet einen die gleiche Herkunft, im Beruf treffen verschiedene Nationen aufeinander und das Freizeitleben kann wieder ein völlig anderer Bereich sein. Diese Bereiche ergänzen sich, auch wenn man unterschiedliche Schwerpunkte setzt, und das ist in Ordnung so. Multikulti kann man nicht vorschreiben.

Wie wirkt sich Vielsprachigkeit auf das Wohlbefinden aus?

Murdock Ich habe Jugendliche in meinen Studien nach ihrer Nationalität gefragt. Viele sagten etwa, sie seien Portugiese und Luxemburger oder Deutscher und Italiener zugleich. Eine bikulturelle Identität wird bei ihnen nicht nur als selbstverständlich sondern auch als Ressourcenverdoppelung angesehen. Sie erfahren, dass man aus zwei Kulturen schöpfen kann. Durch die verschiedenen Kulturkontakte lernen die Jugendlichen ihren Wissenshorizont wie auch ihren Handlungsspielraum zu erweitern.

Was ist mit den Jugendlichen, die mit dieser bikulturellen Identität hadern?

Murdock Die Mehrheit ist sehr stolz darauf, aus zwei, drei oder noch mehr Kulturen zu kommen. Aber es gibt andere, die sagen, dass sie weder Luxemburger sind, noch in der Heimat ihrer Eltern richtig dazugehören. Nirgends ein vollseitiges Mitglied zu sein, ist also die Kehrseite. Die Lebensumstände spielen eine große Rolle darin, wie Personen in dem superdiversen Kontext von Luxemburg die Frage der Nationalität angehen. Entscheidend sind auch die Fragen danach, wie lange ich in einem Land lebe, welche Sprachkompetenz und nicht zuletzt welche Bildungschancen ich habe.

Was ist die Voraussetzung, dass sich dieser Stolz auf die verschiedenen Kulturen in der eigenen Identität entwickelt?

Murdock Beide Kulturen müssen als gleichwertig betrachtet und beide Sprachen gesprochen werden. Auch müssen Netzwerke in beiden Nationen vorhanden sein. Aber es gibt in Luxemburg so viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Biographien, die sogenannten internationalen Nomaden. Offenbar zieht Luxemburg Menschen mit bunten und komplexen Biographien wie ein Magnet an. Sie finden hier eine Heimat, weil es eine Grundoffenheit gibt, man auf kleinem Raum kulturell die vielfältigsten Möglichkeiten hat und sehr einfach Kontakt zu den unterschiedlichsten kulturellen Gruppen aufnehmen kann. Aber hier gilt: Für nationale Identifikation gibt es kein Patentrezept.

Wie bewerten Sie die teils hitzigen Diskussion um die Aufwertung der luxemburgischen Sprache?

Murdock Luxemburgisch wurde immer gesprochen. Es ist zwar erst seit 1984 Amtssprache, inzwischen sind die Sprachkurse aber längst voll und gerade bei jungen Leuten ist Luxemburgisch die Textsprache überhaupt. Luxemburgisch ist eine aktiv gelebte Sprache und hat als Identifikationsmedium eben ihren Platz.

Wieviele Sprachen kann man eigentlich sprechen?

Murdock Das kommt darauf an, ob es in die Tiefe geht oder nicht, ob es um eine normale Konversation oder eine wissenschaftliche Abhandlung geht. Will man eine Sprache aus der Tiefe heraus, aus dem Herzen, sprechen, geht es um Nuancen, das Kennen von Sprichwörtern und Referenzen. Diese Tiefe zu erreichen, setzt gewisse Grenzen, die eine Identifikation mit Kultur und Tradition einschließt. Will man eine Sprache aus dem Herzen heraus sprechen, reicht es über die Sprache selbst hinaus und diese Fähigkeit ist begrenzt.


Elke Murdock referiert am Montag, 19.00, in der Nationalbibliothek zum Thema. Eintritt: 8 Euro