Ich wuchs in einem kleinen Nest auf, in dem sich vor 40 Jahren Fuchs und Hase noch gute Nacht sagten. Für ein kleines bisschen Großstadtflair sorgte aber die Frittenbude auf dem Dorfplatz. Frittenbude? Großstadtflair? Sprung in der Schüssel! Denken Sie. Wurstbratereien finden sich in allen europäischen Metropolen, in Köln gehören sogar namhafte Kriminalermittler zur Stammklientel. Heute steht die Pommesbude auf einem Schrottplatz und bietet Nahrung für den Rost: Die Betreiberin musste den Laden schließen, da die Kunden auf einmal ausblieben. Diese zogen irgendwann zum Burgeressen lieber in die nächste Stadt, wo ein sehr funktionelles, würfelförmiges Gebäude, auf dessen Dach ein Buchstabe „M“ prangt, Burger zu unschlagbaren Preisen anbot.

Es sollte nicht mehr die Wurst vom Dorfmetzger sein, sondern die Bulette aus der Fabrik. Heute kommt der Fleischklops nicht mehr vom Metzger um die Ecke, sondern aus Fleischverarbeitungsbetrieben, in denen von der Schlachtung des Tieres bis zum Formen des Patties alles maschinell abläuft. Schön hermetisch verpackt werden die Klopse dann in die Restaurants verfrachtet, wo sie dann erst einmal in die Kühlkammer wandern.

Was danach kommen kann, hat das Journalismus-Ur-Gestein Günter Wallraff vor kurzem in einer Reportage für das Privatfernsehen aufgedeckt: Gebratene Buletten, die in der Küche rumliegen, bis sich nach dem Toilettenputzen jemand ihrer erbarmt und sie schnell noch mit Tomatenscheiben belegt, ehe sie vom hungrigen Kunden in den Mund geschoben werden. Die Empörung über die skandalösen hygienischen Zustände in einigen Hamburgerunternehmen war auch diesseits der Mosel riesengroß. Geht aber deshalb heute niemand mehr zu den Burgerketten? Nein!

Ich weiß eigentlich nicht mehr, was mich heute mehr vom Stuhl haut. Die Lebensmittelskandale, die uns in regelmäßigen Abständen immer wieder heimsuchen - ob Schweinepest, Hühnergrippe oder Fäkalburger - oder die Gleichgültigkeit, mit denen der Konsument solchen Schweinereien begegnet. Scheinbar ist es wirklich fast jedem schnuppe, ob die Hähnchenbarren aus Huhn bestehen oder aus der sagenumwobenen, rosafarbenen Schleimmasse, deren Existenz ein Unternehmen vor einigen Monaten mittels eines langweiligen Firmenvideos dementiert hat. Hauptsache der Hunger wird gestillt, und zwar schnell.

Scheinbar wurde vorschnell vergessen, dass Fast Food nicht Synonym für Industriebuletten sein muss. Unser Alltag ist in vielen Bereichen nicht nur voll automatisiert, sondern auch amerikanisiert. Es ist paradox: Wir leben global, aber wenn es schnell gehen muss, gehen wir fast immer zum Amerikaner.

Wir gehen zum Biohof, um frische Eier zu besorgen, kaufen fair gehandelten Kaffee, streifen uns T-Shirts aus Biobaumwolle rüber, aber beim Fastfood soll es womöglich billig sein. Vielleicht wird sich der Konsument irgendwann wieder an die Vorzüge der Frittenbuden erinnern: Wurst vom Metzger und keine Verkäuferin, die zwischen zwei Portionen Pommes noch die Klobrille abwischt.