LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Nur die Spitze des Zuckerbergs

Da ist er wieder, ihr komischer Nachbar. Er lugt zum Fenster rein, steht vor ihrer Haustür und schaut Ihnen zu, wenn Sie den Müll raustragen, wenn Sie Ihr Auto aus der Garage fahren, wenn Sie Ihrem Besuch die Türe öffnen. Er schreibt auf und hält fest, was er sieht. Welche Zahnpastatuben im Müll landen - aha, Sie haben ein Problem mit Zahnstein? -, wer bei Ihnen ein- und ausgeht - verkehren Sie wirklich mit jemandem, der sich letzten Monat Putins Biografie bei Amazon bestellt hat? -, und auch wann Sie morgens aufstehen und sich abends schlafen legen. Sie bemerken ihn zwar, Sie sehen ihn und ja er ist gruselig und unangenehm. Aber die Rollladen schließen, das tun Sie nicht. Ihn aufzufordern zu gehen auch nicht. Eine Anzeige erstatten? Mitnichten.

Sie geben mir nicht Recht? Das würden Sie alles tun? Zwei Milliarden von Menschen scheinen dies aber zu akzeptieren. Nur dass der Stalker nicht physisch vor dem Fenster steht, sondern ihren Alltag ständig als digitale Anwesenheit begleitet. Dieser Nachbar lugt nicht nur zum Fenster rein, sondern wird aktiv eingebunden, am Tage mit sich herumgetragen und als Zeitvertreib oder praktische Unumgänglichkeit angesehen.

Natürlich ist die Rede von Facebook, das mit der Analysefirma Cambridge Analytica gemeinsame Sache gemacht hat. Dass Facebook die Nutzerdaten nicht im Sicherheitsfach verschließt und niemandem sie weiterreicht, dies dürfte den meisten klar sein. Das Ausmaß des neuesten Datenmissbrauchs ist aber ungeheuerlich. So wurden nicht nur die Daten von den Nutzern einer bestimmten App gespeichert und verwertet, sondern darüber hinaus auch noch diejenige all ihrer Kontakte. Die horrende Zahl von 60 Millionen amerikanischer Facebooknutzern steht im Raum. Dazu kommt, dass hierbei ein Eingriff in eine Sphäre vorgenommen wurde, welche von den meisten Nutzern noch als persönlich und privat angesehen wurde. Seien dies nun die privaten Chats, die mitgelesen und anhand von automatisiert Wortanalyse Aufschluss über politische Gesinnung oder Gemütslage lieferten, oder das Klick-Verhalten in Bezug auf Likes sowie das Hochladen von Fotos, die doch nur die ‚Freunde‘ sehen sollten. All dies trägt zum Erstellen sogenannter Psychogramme bei, anhand deren Profile von Nutzern erstellt werden können, die mehr über die Nutzer aussagen als diese selbst über sich wissen. Dies ist natürlich die beste Möglichkeit herauszufinden, welche politischen Anzeigen oder Produktempfehlungen im Newsfeed erscheinen müssen, um den Nerv des Users tatsächlich zu treffen.

Aber warum schließen Sie Ihre Rollläden nicht? Es ist Ihre eigene Verantwortung, ob Sie tatsächlich Ihre Daten freigeben, ob Sie die praktische App um jeden Preis nutzen wollen, auch den Ihrer privaten und persönlichen Freiheit.

Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der das digitale Sein eine notwendige Rolle übernommen hat. Wer nicht mitmacht, verpasst, kriegt nichts mit. Aber warum suchen wir keine besseren Alternativen? Warum setzen wir uns nicht mehr dafür ein, dass es höhere Sicherheitsstandarts gibt, dass reguliert und vor allem kontrolliert wird? Warum empören wir uns nicht mehr? Ist es uns egal? Vielleicht nicht unbedingt, aber es ist die Bequemlichkeit, die unserer eigenen Mündigkeit den Garaus macht. Wir finden es so praktisch, connected Smart-Apps mitzuteilen, was wir für die nächsten Tage einkaufen müssen. Es ist so einfach, Algorithmen die Aufgabe zu übertragen, uns anzeigen zu lassen, was unserem Geschmack am ehesten entspricht. Wie schnell ist da die Schwelle überschritten zwischen dem, was uns wirklich entspricht und dem, was uns bitteschön entsprechen sollte, Wirtschaftszahlen schreiben sich schließlich nicht von alleine. Und Wahlen gewinnen muss man ja auch noch.

Wo bleibt denn jetzt die Philosophie, werden sich einige von Ihnen fragen? Nun, die Aufklärer Kant, Mendelsson, Hobbes, de Montesquieu, Voltaire, und etliche ihrer Zeitgenossen stehen mahnend parat. „Sapere Aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, schrieb Ersterer in seinem Essay „Was ist Aufklärung?“ von 1784. Es ist „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, lautet die Antwort Kants. Demnach appelliere ich hiermit an den Willen eines jeden, Verantwortung zu übernehmen, Licht ins Dunkel zu bringen und den skandalösen Sachverhalt um Facebook und Cambridge Analytica ernst zu nehmen. Es ist nicht mehr bloß ein Datenklau, über den sich nur noch wenige wundern oder aufregen, es ist ein systematisches Vorgehen, das Leben unser aller zu analysieren, zu schematisieren und dann gezielter Formung und Beeinflussung zu unterziehen. Der Propaganda die Türen zu öffnen, demjenigen, der am meisten dafür bezahlt, den Weg zu ebnen. Die Konsequenzen können weitreichend sein, schlimme Auswirkungen auf unser politisches Leben oder gar unser gesellschaftliches Gleichgewicht haben. Denken Sie etwa 80 Jahre zurück, als die Beeinflussung des Bürgers ebenfalls Oberhand nahm. Und dies, ohne dass die Verantwortlichen nur einen Bruchteil von der Masse an Informationen über die potentiellen Zielgruppen hatten wie dies heute der Fall ist. Schauder überkommt mich und ich hoffe, Sie auch. Es ist Zeit zu handeln und sich zu wehren, wenn nicht jetzt, verlieren wir vielleicht doch bald die Überhand!